So wird aus vermeintlichem Problemholz ein wertvoller Baustoff – und aus Waldschäden ergibt sich die Chance, vorhandene Ressourcen sinnvoll zu nutzen. Unser Sanierungsprojekt «StudiWood» in Trier zeigt, wie dieser nachhaltige Ansatz in der Praxis umgesetzt werden kann. Hier kommt regionales Eichen-Kalamitätsholz beim Bau für Fassade und Innenausbau zum Einsatz.
Doch beginnen wir am Anfang.
Herausforderungen von Universitätsstädten
Wie viele andere Universitätsstädte auch steht Trier vor der Herausforderung, ausreichend bezahlbaren Wohnraum für Studierende bereitzustellen. Am Universitätsring prägen aktuell drei Wohnheime aus den späten 1970er-Jahren den Campus. Doch die Gebäude entsprechen längst nicht mehr den heutigen Anforderungen. Sie sind energetisch veraltet, die Fassaden sind asbestbelastet, barrierefreie Zugänge fehlen und die Wohngemeinschaften entsprechen nicht mehr heutigen Wohnbedürfnissen.
Anstatt die Gebäude abzureißen und neu zu errichten, hat sich das Studierendenwerk Trier für einen alternativen Weg entschieden. Die bestehenden Wohnheime werden daher umfassend saniert, aufgestockt und vollständig neu organisiert. Ziel ist es, möglichst viel der vorhandenen Bausubstanz zu erhalten und die Gebäude technisch, funktional und energetisch weiterzuentwickeln.
So entstehen in Trier neue Wohn(t)räume für Studierende.
Den Bestand als Ressource verstehen
Die drei viergeschossigen Flachdachbauten mit ihren markanten, S-förmigen Grundrissen sind typische Vertreter ihrer Bauzeit. Gleichzeitig stellen die auskragenden Gebäudewinkel sowie die zahlreichen Vor- und Rücksprünge hohe Anforderungen an Planung und Ausführung.
Der Entwurfsansatz selber folgt aber einem einfachen Grundgedanken: Viel des vorhandenen Bestandes als wertvolle Ressource nutzen und möglichst wenig neu bauen. So bleibt die Rohbaustruktur weitgehend erhalten. Durch ergänzende Aufstockungen in Holzbauweise entsteht zusätzlicher Wohnraum. Hinzu kommen neue Aufzugsschächte in den Gebäudefugen sowie punktuelle Erweiterungen für vorgefertigte Nasszellen.
Was die alten Pläne nicht verraten
Bereits zu Beginn der Planung stellte sich das Planungsteam einer besonderen Herausforderung. Aus der Bauzeit in den 70er Jahren standen lediglich die Bewehrungspläne zur Verfügung. Weitere statische Unterlagen aus dieser Zeit lagen nicht mehr vor.
Im Rahmen einer Machbarkeitsstudie wurde die vorhandene Tragkonstruktion detailliert untersucht.
Durch Bauteilöffnungen wurden wichtige Erkenntnisse über Materialität, Bauteilstärken und Festigkeiten und Konstruktionsdetails gewonnen. Auf dieser Grundlage konnte die bestehende Konstruktion statisch bewertet und somit die notwendige Planungssicherheit für die weitere Entwurfs- und Ausführungsplanung geschaffen werden.
Tragwerk und Gebäudehülle greifen ineinander
Die Verbindung zwischen dem Stahlbeton- und Mauerwerksbestand und den neuen Holzkonstruktionen stellt den konstruktiven Schwerpunkt des Projekts dar. Für die Aufstockung, die Aufzugsschächte und die Fassadenelemente wurden Anschlussdetails entwickelt, die die Lasten sicher in die bestehende Tragstruktur einleiten und gleichzeitig die Eingriffe in den Bestand minimieren.
Die neuen Holztafelelemente übernehmen dabei mehrere Funktionen. Sie bilden die neue Gebäudehülle und sind in der Aufstockung zugleich Bestandteil des statischen Gesamtsystems. Im Bestand sind die Fassadenelemente nicht tragend, aber wichtig für den Brandschutz.
Die bisherigen, asbestbelasteten Fassaden werden vollständig ersetzt. Neben den bauphysikalischen Vorteilen ermöglicht der hohe Vorfertigungsgrad einen zügigen Bauablauf und reduziert die Zeit, in der die Wohnplätze nicht genutzt werden können.
Bauphysik und Brandschutz frĂĽh mitgedacht
Auch beim energetischen Konzept gilt: Nicht maximal dämmen, sondern gezielt. Die Dämmstoffe und -stärken wurden nicht pauschal maximiert, sondern entsprechend der jeweiligen Anforderungen dimensioniert – nach dem Prinzip „so viel wie nötig, so wenig wie möglich“. Den überwiegenden Teil der Fassadenelemente füllt deshalb Zellulosedämmung aus. Mineralfaserdämmstoffe kommen nur dort zum Einsatz, wo bauphysikalische oder brandschutztechnische Anforderungen dies erfordern.
Wie gut dieses Konzept funktioniert, zeigt sich nach Fertigstellung der Gebäudehülle beim Blower-Door-Test. Dieser überprüft die Luftdichtheit und somit, ob die geplanten energetischen Eigenschaften auch unter realen Bedingungen erreicht werden.
Auch der Brandschutz stellte besondere Anforderungen an die Planung. Da die Gebäude der Gebäudeklasse 4 zugeordnet sind, mussten insbesondere die Geschossübergänge sowie die eigenständigen Aufzugsschächte in den Gebäudefugen frühzeitig und sorgfältig geplant werden.
Die Anforderungen an den Brandschutz, die Kapselung und die Rettungswege wurden hier präzise aufeinander abgestimmt.
Bevor die Fassade in Serie geht
Bereits vor Beginn der eigentlichen Bauarbeiten wurde an einem der Bestandsgebäude ein Fassaden-Mock-up errichtet. Mithilfe der Musterfassade konnten Konstruktion, Materialwirkung und Anschlussdetails unter realen Bedingungen überprüft und frühzeitig mit allen Projektbeteiligten abgestimmt werden. So konnten Details optimiert werden, bevor die Serienfertigung der Fassadenelemente begann.
Eichen-Kalamitätsholz - Material mit Geschichte
Neben den bisherigen Herausforderungen und Begebenheiten dieses Projektes spielt auch das Material fĂĽr die Fassadenverkleidung und einige Elemente des Innenausbaus eine ganz besondere Rolle.
Das hier verwendete Eichen-Kalamitätsholz kommt aus regionalen Wäldern. Dabei handelt es sich um Holz aus Beständen, die beispielsweise durch Trockenheit, Sturmereignisse oder Insektenbefall geschädigt wurden. Die Bezeichnung beschreibt jedoch nicht seine Qualität. Nach fachgerechter Sortierung, Trocknung und normgerechter Prüfung erreicht es dieselben technischen Eigenschaften, die denen von hochwertigem Eichenholz in vielen Anwendungen gleichkommen.
Seine Verwendung verbindet gleich mehrere Vorteile: Das Holz wird, anstatt ungenutzt im Wald zu verbleiben oder energetisch verwertet zu werden, weiterverarbeitet und genutzt. Gleichzeitig bleiben regionale Wertschöpfungsketten erhalten, Transportwege werden verkürzt und der Bedarf an zusätzlichem Holzeinschlag sinkt.
Ein Großteil der eingesetzten Holzprodukte tragen das Label «Holz von Hier».
Das Material prägt das Gebäude auch gestalterisch. Die natürlichen Farbunterschiede und Maserungen verleihen der Fassade und den Innenräumen eine lebendige Oberfläche und machen die Geschichte des Holzes sichtbar.
Natürlich eignet sich nicht jedes Kalamitätsholz grundsätzlich für hochwertige Bauanwendungen. Maßgeblich sind dabei Art und Umfang der Schädigung sowie eine fachgerechte Sortierung, Trocknung und Aufarbeitung. Gerade bei Eiche entsteht so ein Baustoff, der ökologische Vorteile mit hoher technischer Qualität verbindet. Um diese Qualität bis zur Verarbeitung zu gewährleisten, wird das Holz im Holzbaubetrieb separat gelagert und eindeutig gekennzeichnet, sodass eine Vermischung mit anderen Holzpartien ausgeschlossen ist.
Die Materialwahl ist ein Bestandteil des Projektkonzepts, aber ebenso entscheidend ist die energetische Planung des Gebäudes.
Nachhaltigkeit als Gesamtkonzept
Die energetische Modernisierung endet nicht bei der Gebäudehülle. Künftig übernimmt Geothermie die Wärmeversorgung, Photovoltaikanlagen erzeugen einen Teil des benötigten Stroms und dezentrale Lüftungsgeräte mit hoher Wärmerückgewinnung reduzieren zusätzlich den Heizenergiebedarf. Durch das Zusammenspiel dieser Maßnahmen erreicht das Gebäude die EE-Klasse.
Ein Bestand mit neuer Perspektive
Nach Abschluss der Bauarbeiten stehen mehr als 190 vollständig möblierte Wohnplätze zur Verfügung. Rund zwei Drittel davon sind barrierefreie Einzelapartments. Ergänzt wird das Angebot durch Zwei- und Dreier-Wohngemeinschaften, Eltern-Kind-Wohnungen sowie gemeinschaftlich nutzbare Bereiche.
«StudiWood» zeigt, welches Potenzial im Gebäudebestand steckt, wenn die Leistungen aus den Bereichen Architektur, Tragwerksplanung, Bauphysik und Brandschutz von Anfang an gemeinsam berücksichtigt werden. Anstatt die bestehende Architektur zu ersetzen, wird das Projekt konstruktiv weiterentwickelt. So entsteht zeitgemäßer Wohnraum, der die vorhandene Bausubstanz bewahrt und gleichzeitig neue Anforderungen an Nachhaltigkeit, Funktionalität und Energieeffizienz erfüllt.
Spannende Zahlen und Fakten
Fertigstellung: vsl. Fertigstellung inkl. AuĂźenanlagen Mitte 2028
Bruttogrundfläche (BGF, DIN 277): 1´335 m2
Nutzungsfläche (NRF, DIN 277): 5´677 m2
Bruttorauminhalt (BRI): 21'096 m3
Investitionsvolumen: ca. 40 Mio. Euro
Bestand: drei viergeschossige Wohngebäude aus den 1970er-Jahren
Konstruktion: Bestandserhalt Stahlbeton und Mauerwerk, Ergänzungen in Holzbauweise
Aufstockung: je ein zusätzliches Geschoss in Holzbauweise | Haus 1: Aufstockung nördlicher Gebäudeteil; Haus 2+3: Aufstockung komplett
Fassade: Serielle vorgefertigte Holztafelelemente
Materialbesonderheit: Eichen-Kalamitätsholz, regionales «Holz von Hier»
Energiestandard: EH55
Bauherr
Studierendenwerk Trier Anstalt des öffentlichen Rechts
Architektur
ACMS Architekten GmbH
Tragwerksplanung, Brandschutz, Bauphysik
PIRMIN JUNG Deutschland GmbH
Fotografien/Visualisierungen
ACMS Architekten GmbH
PIRMIN JUNG Deutschland GmbH
Mehr Informationen zu Kalamitätsholz
Kalamitätsholz bezeichnet Holz aus Wäldern, die durch außergewöhnliche Ereignisse wie Trockenheit, Stürme, Schädlingsbefall oder Krankheiten geschädigt wurden. Damit beschreibt der Begriff die Herkunft des Holzes – nicht seine Qualität. Wird es zeitnah aufgearbeitet und fachgerecht verarbeitet, kann Kalamitätsholz ebenso leistungsfähig sein wie Holz aus regulärer Forstwirtschaft. Seine Nutzung trägt dazu bei, wertvolle Ressourcen zu erhalten, Kohlenstoff langfristig zu binden und den Waldumbau zu klimaresilienten Beständen zu unterstützen.
Mehr Infos zur «Klimaeiche» finden Sie auch unter: Klimaeiche – Eichenholz im Klimastress nachhaltig nutzen























