ZurĂŒck

Raumakustik auf höchstem Niveau – sichtbar, hörbar und spĂŒrbar

Jasmin Christen, im November 2020

Verrucano – ein neues Kultur­- und Kon­gresshaus in der Ostschweiz, mitten im Dorf Mels, fĂŒr die Belebung des Dorfkerns und als BĂŒhne fĂŒr das kulturelle Dorfleben. Rund um den Neubau entstanden vielseitig nutz­bare DorfrĂ€ume mit hoher Aufenthaltsquali­tĂ€t und ĂŒberregionaler Ausstrahlung.

Der Neubau fĂ€llt auf – die filigran gestaltete Holzfassade in dezentem Weinrot gliedert den stattlichen Baukörper des neuen SaalgebĂ€udes. Das Erdgeschoss besteht aus einem Massivbau mit einem grossen Kongresssaal. Im Obergeschoss befinden sich weitere VereinsrĂ€ume. Das Tragwerk des Saals sowie die oberen Geschosse sind in Holzbauweise erstellt. Spannend ist, dass die einzelnen GebĂ€udeteile voneinander losgelöst erstellt wurden, d.h., es entstanden zweischalige WĂ€nde im Holzbau, um den hohen Anforderungen an die Schallentkopplung der einzelnen RĂ€ume gerecht zu werden. 83 % des verbauten Holzes ist Schweizer Holz. Die Materialien fĂŒr den Neubau stammen möglichst ressourcenschonend aus dem lokalen Umfeld.

  • Das neue Kunst- und Kulturhaus Verrucano - rechts das neue Rathaus. Foto: Stefan Bienz
    Das neue Kunst- und Kulturhaus Verrucano - rechts das neue Rathaus. Foto: Stefan Bienz
  • Das neue Kunst- und Kulturhaus Verrucano - rechts das neue Rathaus. Foto: Ladina Bischof Fotografie.
    Das neue Kunst- und Kulturhaus Verrucano - rechts das neue Rathaus. Foto: Ladina Bischof Fotografie.
  • Das neue Kunst- und Kulturhaus Verrucano - aus der Vogelperspektive. Foto: Stefan Bienz
    Das neue Kunst- und Kulturhaus Verrucano - aus der Vogelperspektive. Foto: Stefan Bienz

Das Projekt leitete das Architektenteam von raumfindung architekten aus Rapperswil. Der verantwortliche Architekt Beat Loosli schaut gerne zurĂŒck und beantwortet die Frage nach den grössten Herausforderungen im Projekt wie folgt: «Die Ausgangslage fĂŒr das Verrucano war ein â€čbunter Straussâ€ș von BenutzerwĂŒnschen an den neuen Saal und die VereinsrĂ€ume. Was zu Beginn der Planung eine grosse Herausforderung war, entpuppte sich in der weiteren Bearbeitung und Realisierung als inspirierender NĂ€hrboden fĂŒr die architektonische Gestaltung und eine auf die Nutzer massgeschneiderte Architektur.»

Der Löwensaal – ein Multifunktionstalent

Das HerzstĂŒck des Verrucano ist der Löwensaal. Der Saal ist im Erdgeschoss angegliedert und hat eine AufnahmekapazitĂ€t von bis zu 1400 Personen. Ziel war es also, eine Akustik zu schaffen, die eine multifunktionale Nutzung von symphonischer Musik, Kammermusik, Operette und Theater optimal zum Klingen bringt und an Banketten oder Kinoveranstaltungen ein tolles Erlebnis verspricht.

Die geforderte MultifunktionalitĂ€t hat zum Ziel, das Verrucano unterschiedlichen Nutzergruppen zugĂ€nglich zu machen. Dadurch entstehen wiederum verschiedenste AnsprĂŒche an die Architektur und die Ausstattung des Löwensaals.

Einfluss der Raumakustik auf die Architektur

Der Architekt Beat Loosli erzĂ€hlt, dass bereits im Wettbewerb die prĂ€genden geometrischen Eigenschaften in das Layout des Saals eingearbeitet wurden. «Es resultierte ein trapezförmiger Grundriss vom Konzertsaal. Zugleich wurden die im Dorfkern maximal erlaubten GebĂ€udehöhen realisiert, damit das Raumvolumen des Konzertsaals sich auch fĂŒr sinfonische Musik eignet.» Er fĂŒgt weiter an, dass die Anforderung der Raumakustik fĂŒr den Innenausbau neben dem Licht und Material ein prĂ€gendes Thema war. Aufgrund der grosszĂŒgigen und offenen BĂŒhne kann der BĂŒhnenraum entsprechend den Anforderungen angepasst werden – dies sowohl funktional wie auch akustisch und visuell.

Simulationen als UnterstĂŒtzung bei raumakustischen Herausforderungen

Der Projektentwurf basiert auf einem Konzertsaal mit Tageslichteinfall ĂŒber die Oberlichter. FĂŒr das Hörerlebnis der Konzertbesucher ist jedoch gerade die Deckenreflektion wichtig. «Das Abstimmen der Grösse der Oberlichter, projektbezogen â€čOberlichtrĂ€umeâ€ș, war ein Austarieren zwischen Holzbaustruktur, Tageslichtnutzung und Raumakustik», erklĂ€rt Beat Loosli und fĂŒgt an, dass «dies nur in einem iterativen Prozess mit einem Raumakustiker und einer 3D-Simulation erfolgen kann.» Das Verrucano ist zudem auf eine gleichzeitige Nutzung ausgelegt: WĂ€hrend einem Konzert im grossen Saal soll im Vereinslokal geprobt werden und im kleinen Saal eine Tagung stattfinden können. Diese Anforderung verleiht der inneren SchallĂŒbertragung einen hohen Stellenwert bei der Detailplanung. ZusĂ€tzlich hatte auch die GebĂ€udehĂŒlle zur Nachbarschaft hin hohe Anforderungen zu erfĂŒllen.

Der Dipl. Akustiker und Projektleiter Bauphysik bei PIRMIN JUNG, Renzo Cremonini, modellierte in der Planung den Löwensaal sowie weitere RĂ€ume in 3D und fĂŒhrte dabei raumakustische Simulationen fĂŒr jede Nutzung und mit Publikum aus. Beat Loosli bestĂ€tigt: «Die Berechnungen waren die Grundlage fĂŒr die rechtlichen Vereinbarungen mit den Nachbarschaften und wurden nach Fertigstellung auch gemessen (und eingehalten).»

  • Wireframe 3D des Löwensaals mit der Verteilung des Deutlichkeit-Masses C80, fĂŒr die Nutzung Musik. Quelle: OdeonÂź. Dieser Parameter beschreibt die Erkennbarkeit zeitlich aufeinanderfolgender Töne und die Unterscheidbarkeit der verschiedenen Instrumente.
    Wireframe 3D des Löwensaals mit der Verteilung des Deutlichkeit-Masses C80, fĂŒr die Nutzung Musik. Quelle: OdeonÂź. Dieser Parameter beschreibt die Erkennbarkeit zeitlich aufeinanderfolgender Töne und die Unterscheidbarkeit der verschiedenen Instrumente.

3D­-Simulationen bewÀhrten sich

Die 3D-Simulationsergebnisse stimmen gut mit den Messwerten im Endzustand ĂŒberein. Der Architekt Beat Loosli erklĂ€rt, dass «die Schallmessungen im fertigen Bauwerk erstaunlich deckungsgleich mit den vorgĂ€ngig erstellten Simulationen sind». Insofern besteht fĂŒr die Nutzer und den Betreiber die GewĂ€hr, dass die gewĂŒnschte Raumakustik effektiv umgesetzt wurde. Der grosse Vorteil von Akustiksimulationen sieht Beat Loosli darin, dass wĂ€hrend der Planungsphase verschiedene EinflĂŒsse ĂŒberprĂŒft werden können. So ist ein Austarieren zwischen Geometrie, Tageslichtnutzung, Materialwahl etc. möglich, und die raumakustische Wirkung der Parameter kann vom Architekten nachvollzogen werden. Das erstellte Factsheet fĂŒr die Gemeinde Mels, welches aufzeigt, welche Akustikmassnahmen bzw. AbsorptionsflĂ€chen (Akustikklappen/-vorhĂ€nge) im Löwensaal wie zu aktivieren sind, hilft, die unterschiedlichen Nutzungsanforderungen sichtbar, hörbar und spĂŒrbar umzusetzen.

  • Variable Raumakustik: Der Löwensaal besteht aus sichtbaren HolzoberflĂ€chen, und es konnten verschiedene Akustikmassnahmen umgesetzt werden. Die oberen Bereiche der SeitenwĂ€nde sind mit drehbaren, akustisch unterschiedlich wirksamen Wandfronten ausgefĂŒhrt – einerseits schallreflektierend und andererseits schallabsorbierend. Mit AkustikvorhĂ€ngen auf der BĂŒhne, an der Aussenwand im Erdgeschoss vor den Fenstern und unterhalb der Galerie kann gemĂ€ss WĂŒnschen der Musiker die Akustik halliger oder trockener eingestellt werden. Foto: Ladina Bischof Fotografie.
    Variable Raumakustik: Der Löwensaal besteht aus sichtbaren HolzoberflĂ€chen, und es konnten verschiedene Akustikmassnahmen umgesetzt werden. Die oberen Bereiche der SeitenwĂ€nde sind mit drehbaren, akustisch unterschiedlich wirksamen Wandfronten ausgefĂŒhrt – einerseits schallreflektierend und andererseits schallabsorbierend. Mit AkustikvorhĂ€ngen auf der BĂŒhne, an der Aussenwand im Erdgeschoss vor den Fenstern und unterhalb der Galerie kann gemĂ€ss WĂŒnschen der Musiker die Akustik halliger oder trockener eingestellt werden. Foto: Ladina Bischof Fotografie.
  • Ideale Bedingungen mit Schröder­-Diffusoren: Die RĂŒckwand des Konzertsaals, des Probelokals und ein umlaufendes Band sind mit speziell entwickelten Schröder-Diffusoren fĂŒr eine gute Schallverteilung ausgestattet. Diese FlĂ€che steigert den Schallpegel im hinteren Bereich des Saals ohne störende Echos zu generieren. Die Diffusoren sind aus Holzelementen mit verschiedenen Tiefen zusammengesetzt und durch Holzplatten getrennt. Die Schröder-Diffusoren verbreiten den Klang gleichförmig innerhalb eines Frequenzbereiches. Foto: Ladina Bischof Fotografie.
    Ideale Bedingungen mit Schröder­-Diffusoren: Die RĂŒckwand des Konzertsaals, des Probelokals und ein umlaufendes Band sind mit speziell entwickelten Schröder-Diffusoren fĂŒr eine gute Schallverteilung ausgestattet. Diese FlĂ€che steigert den Schallpegel im hinteren Bereich des Saals ohne störende Echos zu generieren. Die Diffusoren sind aus Holzelementen mit verschiedenen Tiefen zusammengesetzt und durch Holzplatten getrennt. Die Schröder-Diffusoren verbreiten den Klang gleichförmig innerhalb eines Frequenzbereiches. Foto: Ladina Bischof Fotografie.

«PIRMIN JUNG Ingenieure arbeiten sehr prĂ€zise. Bei diesem Projekt konnten sowohl die Holzbauingenieurarbeiten als auch der Brandschutz, die Bauphysik und Raumakustik an einen Partner vergeben werden. Dadurch wird der Spezialist nicht nur zum partiellen Berater, sondern zum eigentlichen Partner des Kernteams. Dank diesem vertieften Ein bezug auf verschiedenen Ebenen war eine fĂ€cherĂŒbergreifende und intensive Zusammenarbeit möglich. Neben der VerlĂ€sslichkeit der involvierten Personen schĂ€tzen wir auch die QualitĂ€t der schriftlichen Dokumente und Nachweise.»

Beat Loosli, Architekt, raumfindung architekten eth bsa sia

Hohe Brandschutzanforderungen

FĂŒr PIRMIN JUNG war neben der Raumakustik und der Holzbauthematik auch der Brandschutz wegweisend. Das Projekt ist aufgrund der MultifunktionalitĂ€t und der grossen Personenbelegungen in der QualitĂ€tsstufe 3 (QSS3) im Brandschutz eingeteilt. Als QSS-Verantwortliche waren wir fĂŒr die ErfĂŒllung der Brandschutzanforderungen zustĂ€ndig. Wir unterstĂŒtzten die Bauherrschaft sowie die Architekten bei der Erstellung des Brandschutzkonzeptes mit allen erforderlichen PlĂ€nen und Nachweisen, der Koordination mit den Fachplanern und fĂŒhrten die QualitĂ€tskontrolle auf der Baustelle aus. Wir schauen auf ein sehr komplexes Bauwerk mit hohem Anteil an technischen Brandschutzmassnahmen und eine gute Zusammenarbeit mit den kantonalen Behörden zurĂŒck.

  • Das Foyer. Foto: Ladina Bischof Fotografie
    Das Foyer. Foto: Ladina Bischof Fotografie
  • Der Eingangsbereich. Foto: Ladina Bischof Fotografie
    Der Eingangsbereich. Foto: Ladina Bischof Fotografie
  • Einer der ProberĂ€ume. Foto: Ladina Bischof Fotografie
    Einer der ProberÀume. Foto: Ladina Bischof Fotografie
  • Der Löwensaal von oben. Foto: Ladina Bischof Fotografie
    Der Löwensaal von oben. Foto: Ladina Bischof Fotografie
  • Ein Probesaal. Foto: Ladina Bischof Fotografie
    Ein Probesaal. Foto: Ladina Bischof Fotografie

Spannende Facts & Figures