In Friedrichshafen am Bodensee ist ein Wohngebäude mit zwei unterschiedlich großen, fünfgeschossigen Baukörpern entstanden, die durch ein zentrales, lichtdurchflutetes Atrium miteinander verbunden sind. Im Mittelpunkt des gemeinschaftlichen Lebens steht ein großzügiger Wintergarten, der allen Bewohner:innen offensteht. Im Untergeschoss befinden sich eine Tiefgarage sowie sämtliche Nebenräume. Die Konstruktion wurde in Holztafelbauweise mit Holz-Beton-Verbunddecken und aussteifenden Brettsperrholz-Wänden umgesetzt. Letztere sind auf die in der Region relevanten Erdbebeneinwirkungen ausgelegt. Auch das Treppenhaus und der Aufzugsschacht wurden vollständig aus Brettsperrholz gefertigt. Die horizontale Aussteifung erfolgt über duktile Beton-Rippenstähle, die die notwendige Verbindung zwischen Holz- und Betonelementen sicherstellen. Die großzügigen Balkone in Holzbauweise übernehmen nicht nur gestalterische und funktionale Aufgaben, sondern wirken gleichzeitig als Brandschürzen und erweitern den privaten Wohnraum um wertvolle Außenflächen.
Generelle Info
In Friedrichshafen, unweit des Bodensees, sind zwei mehrgeschossige Wohngebäude in Holztafelbauweise entstanden. Die beiden unterschiedlich großen Baukörper werden durch ein zentrales Atrium zu einem Ensemble verbunden, das räumlich und sozial zusammenhängt. Das Herzstück lässt Tageslicht tief ins Gebäude und schafft mit einem großzügigen Wintergarten einen offenen, nutzbaren und verbindenden Ort der Gemeinschaft.
Tragwerksplanung
Ab Oberkante Bodenplatte kommt ausschließlich Holz zum Einsatz. Die tragenden Außen- und Innenwände sowie das gesamte Aussteifungssystem bestehen aus Brettsperrholz. Ergänzt wird die Konstruktion durch Holz-Beton-Verbunddecken, die wirtschaftliche Spannweiten überbrücken und gleichzeitig die Schwingungsanforderungen im Wohnungsbau erfüllen. Die horizontale Lastabtragung folgt einem klaren Prinzip: In die Brettsperrholzwände sind über die Gebäudehöhe durchlaufende Zugstangen integriert, die die auftretenden Zugkräfte bündeln und direkt in der Tiefgarage verankern. Die Lage in Erdbebenzone 2 sowie die exponierte Windsituation am Bodensee führten zu erhöhten Anforderungen an das Tragverhalten. Die Lösung liegt in einem fein abgestimmten Zusammenspiel aus steifen Brettsperrholzwänden und duktilen Verbindungsmitteln. Eingesetzte Beton-Rippenstähle sorgen für eine robuste und gleichzeitig verformungsfähige Kopplung zwischen Holz- und Betonelementen und gewährleisten die notwendige Energiedissipation im Lastfall Erdbeben.
Zur Planungszeit war die vollständige Ausführung des Treppenhauses und des Aufzugsschachts in Holzbauweise ein Novum. Das Treppenhaus als zentraler Fluchtweg wurde in Brettsperrholz ausgeführt und mit Gipsfaserplatten brandschutztechnisch ertüchtigt – eine Bauweise, die heute etabliert ist, damals jedoch einen neuen Maßstab setzte.
Die vorgelagerten Balkone sind integraler Bestandteil des Tragwerks. Sie sind als eigenständige Holzkonstruktion ausgeführt, erweitern die Wohnräume nach außen und übernehmen gleichzeitig brandschutztechnische Funktionen als horizontale Abschottung.
Neben den konstruktiven Aspekten überzeugt das Gebäude durch seine räumliche Qualität. Das Atrium sorgt für Licht und Orientierung, der Wintergarten fördert die Gemeinschaft und die Balkone erweitern den privaten Raum. Im Untergeschoss sorgt eine Tiefgarage für die Erschließung, ohne den Freiraum zu belasten.
Innovation
Das Projekt zählt zu den ersten mehrgeschossigen Holzbauten, die gemäß der damals neuesten Landesbauordnung in Baden-Württemberg realisiert wurden. Es markiert einen Meilenstein in der Entwicklung des urbanen Holzbaus, denn es zeichnet sich durch die vollständige Integration von Fluchtwegen in Holz, die konsequente Reduktion auf einen Baustoff ab Oberkante Tiefgarage sowie die Kombination aus Tragwerk, Brandschutz und Bauphysik in einem durchgängigen System aus.
Für unsere Planung bedeutete dies, bestehende Regelwerke nicht nur anzuwenden, sondern im Sinne des Projekts auszulegen und weiterzudenken. Die hier entwickelten Lösungen sind heute vielfach Standard. Damals waren sie Pionierarbeit.
Projektinformationen
- Standort
- Oberhofstraße 59 88045 Friedrichshafen
- Fertigstellung
- 2015
- Bauherrschaft
- müllerblaustein Holzbau GmbH 89134 Blaustein
- Architektur
- Entwurf: Michael Bosch 88045 Friedrichshafen Ausführung: Rainer R.M. Müller 70173 Stuttgart
- Holzbau
- müllerblaustein Holzbau GmbH 89134 Blaustein
- Fotografie
- Connè van d’Grachten, Ulm ECORUMI, Friedrichshafen
- Bauart
- Wohnen
- Geschosse
- 5
- Montage Holzbau
- Februar 2017 - September 2017
- Grösste Spannweite
- 6,5 m


















