Von der WG-Idee zur nachhaltigen Realität
Das ehrgeizige Ziel der Gruppe junger Studierender lautete: «Ein selbstverwaltetes Wohnheim, das bezahlbaren Wohnraum schafft und gleichzeitig die Möglichkeit zum interdisziplinären und gemeinschaftlichen Austausch bietet.» Dabei sollte der Neubau möglichst ohne graue Energie errichtet werden und recyclebar sein. Um die maximal gedachte Nachhaltigkeit gewährleisten zu können, kam für die Bauherren und Planenden daher von Anfang an nur eine Holzbauweise in Frage.
Einzigartiges Holztragwerk eingeweiht
Nach fast zehnjähriger Planungs- und dreijähriger Bauzeit wurde das Projekt mit seinem weltweit einzigartigen Holztragwerk im Juli offiziell eingeweiht. 176 Studierende wohnen in dem viergeschossigen Holzneubau auf der Heidelberger Konversionsfläche «US Hospital». Bis Ende des Jahres soll auch die Sanierung des Bestandsgebäudes abgeschlossen sein und weiteren 50 jungen Menschen ein Zuhause für ihre Studienzeit bieten.
Wie alles begann
Name und Idee des «Collegium Academicum» gehen auf ein selbstverwaltetes Studierendenwohnheim zurück, das nach dem Zweiten Weltkrieg von 1945 bis 1978 in der Heidelberger Altstadt betrieben wurde. Aus dem Wunsch heraus, den Universitätsbetrieb so schnell wie möglich wieder aufzunehmen, entstand damals diese neue Wohnform für Studierende. Im Gegensatz zum «alten» Wohnheim, das sich in Trägerschaft der Universität Heidelberg befand, agiert das neue Wohnheim jedoch unabhängig von der Universität.
Holzbau in neuer Dimension
Die besondere Innovation dieses Projektes liegt darin, dass der traditionelle Holzbau neu gedacht und in die Moderne übersetzt wurde. Die Grundidee: ein Gebäude mit einem Tragwerk als Holzskelettkonstruktion, das durch form- und kraftschlüssige Nur-Holz-Verbindungen stabil zusammengefügt wird.
So wurden anstelle von Beschlägen und Verbindungen aus Metall ausschließlich Holz-Holz-Verbindungen verwendet.
Herausforderungen der Holzverbindungen
Der viergeschossige Neubau mit Stützen aus Brettschichtholz und Buchenfurnierschichtholz wurde daher ausschließlich mit Schwalbenschwanzverbindungen, Nägeln und Holzzapfen errichtet. Um die innovativen Holz-Holz-Verbindungen sinnvoll nutzen zu können, wurde das Holztragwerk so ausgebildet, dass an allen Anschlüssen und Auflagerpunkten annähernd gleiche Kräfte auftreten. Die hier verwendeten Stützen aus Buchenfurnierschichtholz sind hoch tragfähig und können ähnlich hohe Drucklasten aufnehmen wie Stahl- oder Betonstützen. Die Aussteifung des Gebäudes erfolgt durch Brettsperrholzplatten in den Wand- und Deckenebenen.
Hier zeigt der moderne Holzbau eindrücklich seine vielfältigen Möglichkeiten.
Umsetzung neuer, innovativer Forschungsergebnisse
Im Rahmen eines Forschungsprojektes wurde der Frage nachgegangen, wie die Führungslogik traditioneller, kraftschlüssiger Holz-Holz-Verbindungen in eine moderne Produktionslogik übersetzt werden kann. Dazu wurde mit DGJ Architektur GmbH ein System entwickelt, das auf Holzverbindungen in Anlehnung an japanische Holzknoten basiert. Die Ergebnisse wurden hier in Heidelberg erstmals in einem mehrgeschossigen Gebäude umgesetzt.
Millimetergenaue Arbeit in der Vorfertigung
Dank moderner CAD-Programme und Abbundmaschinen in den Holzbauunternehmen (in diesem Projekt Züblin Timber) ist die Planung großer Gebäude, die fast ausschließlich aus Holz-Holz-Verbundkonstruktionen bestehen, heute so präzise möglich, dass die Bauteile weitestgehend im Werk vorgefertigt werden können. Dieser hohe Vorfertigungsgrad von bis zu 80 Prozent ermöglicht einen schnellen und unkomplizierten Baufortschritt. Alle Bauteile können vor Ort wie ein 3D-Puzzle zusammengesetzt werden. So entstand nach Baubeginn jede Woche ein neues Stockwerk.
Holzbau pur
Aus ästhetischen Gründen sollten die meisten Holzelemente auch nach der Fertigstellung sichtbar bleiben. Daher war es wichtig, dass während der Bauphase kein Wasser eindringen konnte. Zum Schutz der Konstruktion und der sichtbaren Holzelemente wurde auf die Brettsperrholzdecken ein vormontierter Wetterschutz in Form von selbstklebenden, diffusionsoffenen Witterungsschutzbahnen aufgebracht. Anschlüsse und Bauteilübergänge wurden separat geschützt. Bei längeren Baupausen wurden Notdächer zur direkten Ableitung von Niederschlägen errichtet.
Einstellbare und flexible Innenwände für maximale Umnutzung
Durch die Skelettbauweise und das daraus resultierende Tragraster werden die Deckenlasten linear auf die Unterzüge und von diesen punktuell auf die Stützen abgetragen. Dadurch sind die Zwischenräume flexibel und die Räume variabel umnutzbar.
Privatsphäre in den eigenen Räumen
Trotz dieser flexiblen Nutzungsmöglichkeiten sollen die Bewohnerinnen und Bewohner in ihren eigenen Räumen die nötige Ruhe und Privatsphäre finden. Für den Schallschutz von Innenwänden gibt es keine gesetzlichen Vorgaben. Dennoch war es erklärtes Ziel der Bauherrschaft und Aufgabe der Bau- und Raumakustik, auch hier ein Maximum an Behaglichkeit zu schaffen.
Letztendlich wurde eine Konstruktion entwickelt, die auf dem Prinzip japanischer SchiebetĂĽren basiert und sowohl den modernen Anforderungen an ein gemeinschaftliches Wohnen entspricht, als auch einen privaten RĂĽckzugsort schafft.
Die Badezimmer als fertige Raummodule
Die Bäder der Wohngemeinschaften wurden im Werk vorgefertigt und als Raummodule komplett mit dem Kran auf die Baustelle gesetzt. Auch hier wurde besonderes Augenmerk auf den Schallschutz gelegt. Dieses wichtige Detail wurde gelöst, indem das Badmodul mit einer Betonbodenplatte ausgebildet und entkoppelt aufgelagert wurde.
Bauen in Eigenregie
Ein nicht unerheblicher Teil der Baumaßnahmen wurde von den Studierenden in Eigenregie durchgeführt, indem eine ehrenamtliche Projektgruppe Holzmöbel für die Wohngemeinschaften entwarf und baute sowie Schiebetüren, Küchen und Trennwände im Altbau einbaute. So konnten Kosten gespart und die zukünftigen Bewohnerinnen und Bewohner aktiv in das Projekt eingebunden werden.
Sicherheit geht vor
Alle BaumaĂźnahmen, die sicherheitstechnisch relevant waren oder besondere Fachkenntnisse erforderten, wurden von professionellen Baufirmen und Projektbeteiligten durchgefĂĽhrt.
Zukunftsorientiertes Bauen wie es seinesgleichen sucht
Das hier realisierte Bausystem und Modellvorhaben ist so konzipiert, dass sich das gesamte Gebäude den Bedürfnissen der Gemeinschaft anpasst. Gleichzeitig sind Planung und Ausführung so flexibel und einfach wie möglich gestaltet, so dass Veränderungen, Rückbau und Wiederverwendung der verwendeten Materialien möglich sind.
„Das Collegium Academicum ist nicht allein durch seine Entstehungsgeschichte eine Besonderheit. Bei diesem Projekt ist es uns als Team gelungen, die hohen Anforderungen an ein modernes und gleichzeitig nachhaltiges Wohnheim zu erfüllen", so auch Dr. Hans Drexler, Architekt Collegium Academicum, DGJ Architektur. "Das, was das Collegium Academicum zu diesem einzigartigen Bauwerk macht, liegt aber nicht nur an seiner innovativen Bauweise, sondern zum großen Teil auch am Teamwork aller Beteiligten. Wir schätzen die Zusammenarbeit mit PIRMIN JUNG, insbesondere mit Herrn Langbehn als Projektleiter, und freuen uns nun auf neue gemeinsame Herausforderungen.“
«Design for Disassembly» - «Entwurf für Veränderung und Rückbau» - ist der Schlüssel.
Mit dieser Entwicklung einer sortenrein trennbaren Bauweise ist in Heidelberg ein innovatives Gebäude entstanden, in dem Bauteile und Materialien in geschlossenen Stoffkreisläufen geführt werden und sich dynamisch an sich ändernde Nutzeranforderungen anpassen.
Hier zeigt sich einmal mehr, wie vielseitig und flexibel ein Holzmodulgebäude sein kann.
Bauentwicklung aus dem Jahr 2020
-> Video
(Weiterleitung auf die Webseite des Collegium Academicums)
Spannende Zahlen und Fakten
Bauzeit
2016 – 2023
Gesamtfläche
6´360 m²
Tragwerksplanung Holzbau und Bauphysik
PIRMIN JUNG Deutschland GmbH, Remagen
Bauherr
Collegium Academicum GmbH, Heidelberg
Architektur
DGJ Architektur GmbH, Frankfurt
Holzbau
ZĂĽblin Timber GmbH, Aichach
Fotografie
Ulli Hillenbrand | Thilo Ross | DGJ Architektur GmbH | Collegium Academicum GmbH

















