ZurĂŒck

Der erste Bankhauptsitz einer Schweizer Kantonalbank in Holz

Autorin: Jasmin Christen, Rain, November 2021

Die Obwaldner Kantonalbank (OKB) entschied sich beim Neubau ihres Hauptsitzes ganz bewusst fĂŒr das Baumaterial Holz. Das Untergeschoss und der Erschliessungskern sind in Massivbauweise realisiert worden. Die fĂŒnf Geschosse ĂŒber Terrain wurden in Holzbauweise erstellt. Das natĂŒrliche Baumaterial prĂ€gt auch den Innenausbau. Wir begleiteten das Projekt von der Wettbewerbsphase bis zur Vollendung in den Bereichen Tragwerksplanung, Bauphysik und Brandschutz. Es ist der erste Bankhauptsitz einer Schweizer Kantonalbank in Holz. Bildquelle: Rasmus Norlander, ZĂŒrich

Im Jahr 2017 lancierte die Bank aus dem Kanton Obwalden einen Studienauftrag fĂŒr ihren Neubau in Sarnen Nord, bei dem die Seiler Linhart Architekten AG gemeinsam mit PIRMIN JUNG den 1. Rang erzielt haben. Auswahlkriterien seien neben der architektonischen QualitĂ€t auch FunktionalitĂ€t und Kostenoptimierung gewesen, sagt der Bankdirektor Bruno ThĂŒrig. «Mit diesem Siegerprojekt konnten wir unsere ArbeitsablĂ€ufe sehr effizient umsetzen, Stichwort â€čkurze Wegeâ€ș », erklĂ€rt Bruno ThĂŒrig. Nach einer Bauzeit von zwei Jahren haben die 150 Mitarbeitenden am 30. August 2021 ihren neuen Firmensitz im Quartier Feld in Sarnen bezogen.

Laubholz in der Konstruktion

FĂŒnfstöckig, 18 m Höhe und eine GesamtflĂ€che von 8‘800 m2. Quadrum – wie man den Neubau auch nennt – besteht primĂ€r aus einer Holz-Konstruktion mit quadratischem Grundriss. «Die gesamte Struktur des GebĂ€udes zeigt ein sichtbares Tragwerk aus Eschenholz, welches durch die Einschnitte des Atriums und des Innenhofs gebrochen wird», erklĂ€rt Julia Wurst, die Architektin von Seiler Linhart Architekten AG. Das Holztragwerk mit einem Rastermass von 2,8 m ist in Skelettbauweise (StĂŒtzen plus UnterzĂŒge) komplett in Eschenholz aus dem Kanton Obwalden erstellt. In den BĂŒrorĂ€umen sind sichtbare Holzbetonverbunddecken mit einer Spannweite von 8,4 m eingebaut. Die Verbunddecken bestehen aus Holzrippen (VerbundtrĂ€ger aus Esche und Fichte) und einem Überzug aus Beton. In den Erschliessungsbereichen wurde fĂŒr die Flachdecke liegendes Brettschichtholz mit OSB3-Platten zur Scheibenausbildung verbaut. Die Erschliessungsbereiche dienen auch der Verteilung der Haustechnik.

  • Das Quadrum setzt in seiner Konstruktion auf Holz und fĂŒgt sich optimal ins GelĂ€nde ein. Bildquelle: Rasmus Norlander, ZĂŒrich
    Das Quadrum setzt in seiner Konstruktion auf Holz und fĂŒgt sich optimal ins GelĂ€nde ein. Bildquelle: Rasmus Norlander, ZĂŒrich

Aufrichte innerhalb von neun Tagen

Diese rund 400 Tonnen Konstruktionsholz hat die ARGE Holzbau OKB im Zweischichtbetrieb innerhalb von neun Tagen aufgerichtet. Was fĂŒr eine Leistung! Dank des Baustoffs Holz, der guten Vorausplanung durch den Holzbauer und des WetterglĂŒcks sind solche schnellen Montagezeiten möglich. Mit sogenannten «Rechen» konnten die teils schon vorgefertigten Elemente, wo nötig, noch zusammengesteckt und dann direkt aus diesen «Rechen» mit einem Kran gepackt und am richtigen Ort eingesetzt werden. Im Anschluss montierten die Holzbauer die Betonfiligranelemente am Bauobjekt. Zur gleichen Zeit konnten auf dem Vorplatz die «Rechen» wieder gefĂŒllt werden. Dieses Vorgehen unterstĂŒtzte den effizienten Bauprozess.

Fassadenschalung aus Fichte

Die Fassade besteht aus einer sehr kleinteiligen und aufwendigen Holzschalung in einheimischer Fichte. Hier galt es, den Details ein besonderes Augenmerk beizumessen. Unser Projektleiter Tragwerksplanung, Jonin Frigg, entwickelte in interner Zusammenarbeit mit der Projektleitung Bauphysik, der Architektin und der Bauherrin die Fassade. An einem Fassaden-Mock-up liessen sich die Details beurteilen und definieren. Das Endergebnis lÀsst sich sehen: Die Fassade profitiert von nicht sichtbaren Befestigungen, einem guten Einschnitt und einer hohen HolzqualitÀt und gibt mit der aubergine-Àhnlichen Farbgebung ein angenehm ims Quartier passendes Bild ab.

Ein hervorragendes Raumklima

Um ein angenehmes und ruhiges BĂŒroklima sicherzustellen, nahm auch bei diesem Bau das Thema Raumakustik eine zentrale Rolle ein. Dank Simulationen und der gemeinsamen Entwicklung konnte eine optimierte Lösung hinsichtlich Effizienz und Wirtschaftlichkeit gefunden werden. Die Schallschutztests kurz vor dem Bezugstermin bestĂ€tigten die Simulationen und Lösungen. Die Werte sind hervorragend und garantieren eine angenehme ArbeitsatmosphĂ€re fĂŒr die Mitarbeitenden. Das GebĂ€ude stellte zudem hohe Anforderungen an den Energiebedarf.

  • Hervorragendes Raumklima und einladender Empfangsbereich. Bildquelle: Rasmus Norlander, ZĂŒrich
    Hervorragendes Raumklima und einladender Empfangsbereich. Bildquelle: Rasmus Norlander, ZĂŒrich

Hohe Anforderungen an den Brandschutz

Unser Brandschutzexperte, Christoph ElsĂ€sser, musste im Brandschutzkonzept unter anderem die Besonderheiten von Fluchtwegen in einer Bank berĂŒcksichtigen. Unterschiedliche Sicherheitszonen zogen teilweise technische Umsetzungen der Fluchtwege mit sich. Auch die Planung der ZugĂ€nglichkeit fĂŒr Intervention und Feuerwehr musste in enger Zusammenarbeit mit der Sicherheitsplanung und dem EigentĂŒmer erfolgen. Die BerĂŒcksichtigung aller AbhĂ€ngigkeiten zwischen den Zielen von Sicherheit und Brandschutz war ohne den freiwilligen Einbau einer zentralen Brandmeldeanlage mit VollĂŒberwachung nicht möglich. Das Zusammenspiel aller technischen Einrichtungen im Brandschutz sowie die Sicherheit wurden in einem integralen Test geprĂŒft.

NatĂŒrlich, nachhaltig und obwaldnerisch

Der Holzbau bietet sowohl der Obwaldner Kantonalbank als auch dem Kanton einen Mehrwert. In diesem sind viele Unternehmen im Holzbau tĂ€tig. «Und die Holzbauweise passt ausgesprochen gut zu den Werten unserer Bank: natĂŒrlich, nachhaltig, obwaldnerisch », ergĂ€nzt Bruno ThĂŒrig. Im Sinne der Nachhaltigkeit und der volkswirtschaftlichen Wertschöpfung fĂŒr den Kanton wurde so weit möglich das lokale Gewerbe berĂŒcksichtigt und einheimisches Holz verwendet. Der Beschaffungsprozess des Holzes startete bereits im Herbst 2018. Das gesamte Rundholz, knapp 2’600 mÂł – davon 800 mÂł Esche und 1’800 m3 Fichte –, wurde im Kanton Obwalden geschlagen. Neben dem einheimischen Holz konnten auch 70 % der Arbeitsgattungen im Kanton vergeben werden. Zudem lebt der Bau von diversen kĂŒnstlerischen Interventionen. Hier nur ein Beispiel: Runde Flusskieselsteine aus Obwaldner FlussmĂŒndungen und WildbĂ€chen legte man in eine quadratische Schalung und goss sie ein. Die ausgetrockneten Blöcke wurden zu Terrazzoplatten (Kunststeinplatten) geschnitten und in der Empfangshalle verlegt. Die Steine wurden sichtbar – ein wahres Naturkunstwerk in der Empfangshalle, das gemeinsam mit dem Holz ein tolles Ambiente verspricht.

  • Holz prĂ€gt auch die InnenrĂ€ume des GebĂ€udes. Bildquelle: Rasmus Norlander, ZĂŒrich
    Holz prĂ€gt auch die InnenrĂ€ume des GebĂ€udes. Bildquelle: Rasmus Norlander, ZĂŒrich

Kurze Wege und eine gute Teamarbeit

«Wir haben es mit einem hochkomplexen GebĂ€ude zu tun, an dem viele Fachexperten beteiligt waren. Alle BedĂŒrfnisse zu einem grossen Ganzen zusammenzubringen und dabei die Grundidee nicht aus den Augen zu verlieren, das war eine Herausforderung », meint Julia Wurst. PIRMIN JUNG bearbeitete die drei Gewerke Tragwerksplanung, Bauphysik und Brandschutz. Diese interne Zusammenarbeit mit den kurzen Informationswegen, der dadurch effizienten Arbeitsweise und der offenen, klaren Kommunikation zwischen diesen drei Gewerken stellte sich als optimal heraus – nicht nur fĂŒr PIRMIN JUNG, sondern auch fĂŒr das gesamte Projektteam. Julia Wurst bringt es auf den Punkt: «Die offene und gute Teamarbeit gemeinsam mit der Bauherrschaft machte es uns möglich, ein solch tolles Projekt zu realisieren.»

Das sagen unsere Projektbeteiligten zu ihrem Einsatz fĂŒr die neue Obwaldner Kantonalbank:

  • Jonin Frigg, Projektleiter Tragwerksplanung
    Jonin Frigg, Projektleiter Tragwerksplanung

«Durch die zielorientierte Zusammenarbeit mit den anderen Fachplanern, besonders dem Holzbauer, ist es gelungen, ein Tragwerk zu entwickeln, welches sĂ€mtliche technischen und architektonischen Anforderungen erfĂŒllt und zudem eine sehr kurze Montagezeit generiert hat. Daraus konnte ich wertvolle Erfahrungen, auch fĂŒr zukĂŒnftige Projekte, sammeln.»

  • Daniel MĂŒller, Projektleiter Bauphysik
    Daniel MĂŒller, Projektleiter Bauphysik

«Mit unseren Dienstleistungen aus dem Bereich Bauphysik stellen wir ein angenehmes Arbeitsklima sicher. Auch in diesem Projekt war es einmal mehr sehr wertvoll, der Bauherrschaft unsere Komplett-Dienstleistungen aus einer Hand anbieten zu können. Die internen Wege sind kurz, die Absprachen erfolgen transparent, und es wird eine einheitliche Philosophie gelebt.»

  • Christoph ElsĂ€sser, Projektleiter Brandschutz
    Christoph ElsÀsser, Projektleiter Brandschutz

«Der SchlĂŒssel zum erfolgreichen integralen Brandschutz lag hier in der frĂŒhen Koordination aller beteiligten Disziplinen. Von der Sicherheitsplanung ĂŒber die Haustechnik bis zu den technischen Brandschutzeinrichtungen gibt es sehr viele Schnittstellen und AbhĂ€ngigkeiten. FĂŒr mich zeigt dieses Projekt wieder einmal deutlich, wie wichtig eine gute Kommunikation von Beginn an ist.»

Archivperlen - aus dem Archiv von PIRMIN JUNG

Die erste fĂŒnfgeschossige Bank haben wir 2006 in Navan, Irland, geplant. TreppenhĂ€user und Liftkern in Holz - ein spannendes Projekt. SpĂ€ter unterstĂŒtzten wir als Ingenieure und Planer diverse Schweizer Raiffeisenbanken bei der Planung ihrer Neubauten in Holzbauweise.

Spannende Facts & Figures

  • Bauzeit: 2019 - 2021
  • Bauherrin: Obwaldner Kantonalbank, Sarnen
  • Architektur: Seiler Linhart Architekten AG, Sarnen
  • Tragwerksplanung, Bauphysik, Brandschutz: PIRMIN JUNG Schweiz AG, Rain
  • Holzbau: ARGE Holzbau OKB mit Holzbautechnik Burch AG, Sarnen, und KĂŒng Holzbau AG, Alpnach Dorf
  • GesamtflĂ€che: 8'800 m2
  • Holz: Total 2'600 m3 Rundholz (800 m3 Esche, 1800 m3 Fichte) zu 100 % aus dem Kanton Obwalden. Im verbauten Holz sind 678 Tonnen CO2 gespeichert.

Bildquelle Objektbilder: Rasmus Norlander, ZĂŒrich