In Mannheim ist so das neue Quartier auf dem Gelände des ehemaligen Benjamin Franklin Village, einer früheren Wohnsiedlung der US-Streitkräfte entstanden. Im Rahmen der Entwicklung des neuen Stadtteils Franklin wurde hier ein Wohnensemble geschaffen, das unterschiedliche Wohnformen, generationsübergreifendes Zusammenleben und inklusive Angebote miteinander verbindet. Auf rund 8´500 Quadratmetern Bruttogrundfläche entstanden vier dreigeschossige Neubauten in Holzbauweise, ein Gemeinschaftshaus sowie die Aufstockung und Sanierung eines Bestandsgebäudes aus den 1950er-Jahren.
Anspruchsvolle Holzbauplanung
Gefordert waren ein hoher Vorfertigungsgrad, wirtschaftliche Konstruktionen, kurze Bauzeiten, anspruchsvolle Schall- und Brandschutzanforderungen sowie eine hohe Flächeneffizienz. Dabei sollten gleichzeitig Räume für Begegnung geschaffen werden, die gemeinschaftliches Wohnen fördern.
Bereits das städtebauliche Konzept beeinflusste maßgeblich die konstruktive Planung. Die vier Baukörper gruppieren sich um einen gemeinsamen Innenhof und werden über großzügige Laubengänge erschlossen. Diese dienen nicht nur der Erschließung, sondern bilden bewusst gestaltete Übergangszonen zwischen privatem und gemeinschaftlichem Raum.
Große Auskragungen bedeuten hohe Anforderungen an die Konstruktion
Aus ingenieurtechnischer Sicht bedeuteten die Laubengänge große Auskragungen, hohe Anforderungen an die Gebrauchstauglichkeit und eine Tragwerkskonstruktion, die dauerhaft und wartungsarm funktionieren muss.
Die Lösung bestand in einer weitgehend vorgefertigten Holzkonstruktion mit Hohlkastenträgern und Brettsperrholzelementen. Durch die gezielte Kombination mit lokal eingesetzten Stahlprofilen konnten so Auskragungen von mehr als drei Metern realisiert werden, ohne zusätzliche Stützen in den Freiräumen anordnen zu müssen. Dadurch blieb die Offenheit der Anlage erhalten, während gleichzeitig eine wirtschaftliche und montagefreundliche Konstruktion entstand.
Das Tragwerk folgt konsequent den Prinzipien des modernen Holzbaus.
Hohe Vorfertigung sorgt für einen perfekt abgestimmten Bauablauf
Tragende und aussteifende Außen- sowie Innenwände wurden überwiegend in Holztafelbauweise ausgeführt. Die hohe Vorfertigung ermöglichte nicht nur eine präzise Ausführung, sondern reduzierte auch die Bauzeit erheblich. Fenster, Fassadenbekleidungen und zahlreiche weitere Bauteilkomponenten konnten bereits werkseitig integriert werden.
Besonders interessant ist die gewählte Deckenkonstruktion. Im mehrgeschossigen Wohnungsbau müssen Holzkonstruktionen zahlreiche Anforderungen gleichzeitig erfüllen. Neben den statischen Anforderungen spielen insbesondere Schallschutz, Schwingungsverhalten und Brandschutz eine entscheidende Rolle. Für das Franklin Village fiel die Wahl daher auf Holz-Beton-Verbunddecken.
Die Konstruktion kombiniert acht Zentimeter starke Brettsperrholzelemente mit einer 14 Zentimeter starken Betonergänzung. Diese hybride Bauweise nutzt die jeweiligen Materialeigenschaften gezielt aus: Das Holz übernimmt die Zugkräfte und sorgt für eine ressourcenschonende Konstruktion, während der Beton Druckkräfte aufnimmt und gleichzeitig die notwendige Masse für den Schallschutz bereitstellt. Im Ergebnis entsteht eine leistungsfähige Deckenkonstruktion, die sowohl den erhöhten Anforderungen des Mietwohnungsbaus als auch den Erwartungen an Komfort und Dauerhaftigkeit gerecht wird.
Im geförderten Wohnungsbau wird häufig deutlich, dass die größten Herausforderungen nicht im Tragwerk selbst liegen, sondern in der Schnittstelle zwischen Tragwerksplanung, Bauphysik und Gebäudetechnik.
Das Franklin Village zeigt, wie wichtig eine integrale Betrachtung dieser Disziplinen ist. Die Grundrisse wurden so entwickelt, dass technische Installationen konsequent gebündelt werden konnten. Pro Wohnung wurde die Anzahl der Installationsschächte auf ein Minimum reduziert. Dadurch konnten technische Komplexität, Baukosten und spätere Wartungsaufwände spürbar gesenkt werden.
Bauphysik als zentrale Rolle bei der Entwicklung der Konstruktionen
Die Wohnungstrennwände wurden so aufgebaut, dass trotz schlanker Wandquerschnitte hohe Schalldämmwerte erreicht werden. Ergänzende Vorsatzschalen und entkoppelte Konstruktionen sorgen dafür, dass die Anforderungen eines hochwertigen Wohnungsbaus erfüllt werden können, ohne die Vorteile des Holzbaus aufzugeben.
Moderner Holzbau setzt auf hybride Systeme, wo sie technisch sinnvoll sind
Eine besondere Herausforderung stellte die Lage des Projekts in Erdbebenzone 1 dar. Während Holzkonstruktionen, aufgrund ihres vergleichsweise geringen Eigengewichts, grundsätzlich günstige Voraussetzungen für das Erdbebenverhalten mitbringen, mussten die Horizontallasten gezielt berücksichtigt werden. Hierfür wurden ausgewählte Stahlstützen in die Konstruktion integriert und innerhalb der Wandachsen angeordnet.
Die Lösung zeigt exemplarisch, dass moderner Holzbau nicht dogmatisch auf einen einzigen Baustoff setzt, sondern dort hybride Systeme nutzt, wo sie technisch sinnvoll sind.
Brandschutz integral betrachtet
Auch für den Brandschutz konnte, durch die integrale Bearbeitung, die optimale ingenieurmäßige Lösung gefunden werden. Anstatt tragende Holzoberflächen vollständig zu verkleiden, wurden die Bauteile auf Grundlage der Abbrandbemessung dimensioniert. Die erforderlichen Tragquerschnitte erhielten zusätzliche Reserven für den zu erwartenden Materialabtrag im Brandfall. Dadurch konnten die Holzoberflächen sichtbar bleiben und gleichzeitig die Anforderungen der Gebäudeklasse 3 erfüllt werden. Die Konstruktion erreicht die notwendige Feuerwiderstandsdauer von 30 Minuten, ohne den architektonischen Ausdruck des Materials einzuschränken.
Nachverdichtung gewinnt zunehmend an Bedeutung
Ein besonderes Kapitel innerhalb des Projekts bildet die Aufstockung des Bestandsgebäudes. Gerade im Kontext dringend benötigten Wohnraums gewinnt diese Bauaufgabe zunehmend an Bedeutung. Holzbau bietet hierfür aufgrund seines geringen Eigengewichts erhebliche Vorteile.
Beim Franklin Village wurde so ein Gebäude aus den 1950er-Jahren um zwei Vollgeschosse erweitert. Die zusätzlichen Lasten konnten über einen neu hergestellten Ringanker gleichmäßig in die bestehende Tragstruktur eingeleitet werden. Umfangreiche Verstärkungsmaßnahmen am Bestandsmauerwerk waren dadurch nicht erforderlich. Die Aussteifung des neuen Holzaufbaus erfolgt über Stahlbänder, die in die Fassadenkonstruktion integriert wurden.
Hier zeigt sich das Potenzial in der Verbindung von Bestandsbau und modernen Holzbausystemen.
Ökologische Bilanz im Blick
Neben den konstruktiven Vorteilen überzeugt das Quartier insbesondere durch seine ökologische Bilanz. Insgesamt wurden mehr als 1´100 Kubikmeter Holz verbaut. Im Vergleich zu einer konventionellen Massivbauweise konnten die Treibhausgasemissionen nahezu halbiert werden. Gleichzeitig reduzierte sich der Bedarf an nicht erneuerbarer Primärenergie um rund 38 Prozent.
Konsequente Betrachtung der gesamten Lieferkette
Das eingesetzte Holz stammt aus regionalen Quellen und wurde über das Zertifizierungssystem «Holz von Hier» dokumentiert. Damit rückt ein Aspekt in den Fokus, der in Nachhaltigkeitsdiskussionen häufig zu wenig Beachtung findet: Nicht nur das Material selbst, sondern auch Herkunft, Transportwege und Verarbeitung beeinflussen die tatsächliche Klimabilanz eines Gebäudes erheblich.
Das Franklin Village zeigt eindrucksvoll, wie weit sich der moderne Holzbau entwickelt hat.
Das Projekt verbindet hohe Vorfertigung, wirtschaftliche Tragwerkslösungen, anspruchsvollen Schall- und Brandschutz sowie eine überzeugende Ökobilanz in einem integralen Planungskonzept. Gleichzeitig wird deutlich, dass Holzbau heute weit mehr ist als eine Alternative zu konventionellen Bauweisen. Richtig eingesetzt eröffnet er neue Möglichkeiten für die Nachverdichtung bestehender Quartiere, für den bezahlbaren Wohnungsbau und für nachhaltige Stadtentwicklung.
Spannende Fakten und Zahlen
Nutzungsart: Wohnen
Gebäudeklasse: 3 (Neubauten) | 4 (Bestandsgebäude mit Aufstockung)
Nutzungsfläche (NUF): Wohnen + Gemeinschaftsflächen: 7´808 m²
Nettoraumfläche (NRF): 8´131 m²
Bruttogrundfläche (BGF): 8´505 m²
Bauzeit: November 2020 bis April 2024
Fertigstellung: April 2024
Baukosten: KG 300+400 19.756.000 € netto
Baukosten: KG 200-700 26.093.000 € netto
Verbaute Menge Holz für das Franklin Village insgesamt: 1´161 m3 - davon Hobelware 73 m3 | BSH 294 m3 | CLT 794 m3
Ensemble mit 6 Gebäuden im KFW 55 Standard mit 90 Wohnungen (1 Zi. – 4 Zi., 3 Clusterwohnungen mit je 4 Einheiten)
4 dreigeschossige Neubauten (70 Wohnungen),
1 kernsaniertes Bestandgebäude (12 Wohnungen) mit zweigeschossiger Aufstockung im Holzbau (8 Wohnungen)
1 Gemeinschaftsgebäude
Konstruktion
Tragende und aussteifende Außen- und Innenwände in Holztafelbauweise
Geschossdecken als HBV-Decken mit sichtbarer Holzuntersicht
Dachkonstruktion aus Brettsperrholz
Hinterlüftete Fassade mit vertikaler Holzschalung aus Weißtanne, die mit einer vorvergrauenden Lasur behandelt wurde
Erschließung der Gebäude über vier Außentreppen, über die man den umlaufenden Laubengang erreicht
Zwei freistehende Aufzugsschächte aus Brettsperrholz
Projektbeteiligte
Bauherrschaft
Bauträger: Profund Bauträger und Projektentwicklung GmbH, Gera
Projektentwicklung: Innovatio Projektentwicklung GmbH, Heidelberg/Essen
Architektur
Sauerbruch Hutton, Berlin
Tragwerksplanung, Brandschutz und Bauphysik
PIRMIN JUNG Deutschland GmbH, Remagen
Holzbau
oa.sys baut gmbh, AT-Alberschwende
Auszeichnungen
2025, Deutscher Architekturpreis
2025, polisAWARD, 2. Platz | Soziale Quartiersentwicklung
2025, Green Solutions Award | Kategorie: Stadterneuerung | Erwähnung
2025, Deutscher Holzbaupreis | Engere Wahl
2025, Bundespreis UMWELT & BAUEN 2025, Finalist | Kategorie Quartiere
2026, DAM Preis für Architektur in Deutschland | Nominierung
2026, Holzbaupreis Baden-Württemberg | Anerkennung
Noch mehr Infos unter
Wohnen für alle im Franklin Village - Holzbau-Offensive BW
(Autorin: Susanne Jacob-Freitag)

























