Das Hotel Kreuz befindet sich im Herzen der Berggemeinde Romoos, eingebettet in die vielseitige Landschaft der UNESCO Biosphäre Entlebuch. In den Jahren 1905/1906 im «Chalet-Stil» erbaut, steht das Haus heute unter Denkmalschutz. Als lebendiger Treffpunkt für Jung und Alt, Einheimische wie Gäste, spielt es seither eine wichtige Rolle im sozialen, traditionellen und kulturellen Leben der Region. Das Gebäude wurde sorgfältig saniert und erstrahlt nun in neuer Pracht – mit viel Respekt vor der historischen Substanz und einem Blick in die Zukunft.
Bautechnik aus dem späten Mittelalter als Ausgangslage
Das Gebäude wurde in Ständer-Bohlenbauweise errichtet – eine Bautechnik, die ihren Ursprung im späten Mittelalter hat. Erstaunlicherweise fand diese Bauweise im Raum Entlebuch noch bis ins frühe 20. Jahrhundert Anwendung, wobei sie durch den Einsatz damals modernster Abbundtechniken weiterentwickelt wurde. Zum Einsatz kamen unter anderem Holzfräsen, Schwalbenschwanzverbindungen sowie bereits gewalzte Eisenprofile als Unterzüge.
Die Aussenwände des Hotels bestehen aus 15 Zentimeter starken Ständern mit aussen bündig eingenuteten, über acht Zentimeter dicken und liegend verbauten Bohlen. Aussenseitig sind Holzschindeln angebracht, innen folgt unmittelbar eine Holzvertäfelung – ganz ohne zusätzliche Schichten oder Luftzwischenräume. Die Decken bestehen aus Balken, auf denen ein Blindboden mit Schlackenfüllung und darüber ein sichtbarer Bodenbelag aus Fichtenbodenriemen liegt. Auch auf der Unterseite wurden die Balken direkt mit Holz vertäfelt. Diese Konstruktion war mit lediglich rund 85 kg/m² äusserst leicht – im Vergleich zu heutigen, leichten Holzdeckenaufbauten, die etwa 450 kg/m² aufweisen.
Eine Konstruktion voller WidersprĂĽche
Einerseits wiesen die Vollholzwände aus 85 Millimeter starken Bohlen kaum Abnutzungsspuren auf und zeigten durch den relativ hohen Holzeinsatz eine gewisse Robustheit. Einige Holzbauunternehmen greifen heutzutage wieder verstärkt auf solche massive Holzbauweisen zurück. Darüber hinaus wurden alle Balkenlagen mit gefrästen Schwalbenschwanzverbindungen aus Holz in die Wandschwellen eingelassen. Auch diese Verbindungsart wird heute im Rahmen des zirkulären Bauens wieder eingesetzt, unter anderem beim Haus des Holzes, bei welchem wir mittels Nocken- und Schwalbenschwanzverbindungen aus Holz eine einfache Trennung und Demontage von Bauteilen in der Zukunft gewährleisten.
Andererseits fehlten in der über 100 Jahre alten Konstruktion jedoch grundlegende statische Elemente für einen zuverlässigen vertikalen Lastabtrag. So waren Haupttragstützen teilweise gar nicht vorhanden oder fehlten in einzelnen Geschossen, Trägerauflager waren deutlich unterdimensioniert und zeigten starke Stauchungen der Holzfasern. Zudem wies der Dachstuhl in seiner Ausführung als liegende Binderkonstruktion mehrere relevante statische Defizite auf.
Die traditionelle Bohlenbauweise wurde im Rahmen der Sanierung daher mit äusserst sparsam gewählten, technisch sehr fortschrittlich ausgeführten Elementen ergänzt.
«Im Dialog zwischen Architektur, Denkmalpflege, Gebäudeversicherung und Holzbauingenieurwesen konnte zu Projektbeginn 2020 erfolgreich ein gesamtheitliches Konzept erarbeitet werden, das zum einen das Wesen vom Gebäude als historisches Hotel erhält, einen zeitgemässen Brandschutz gewährt sowie statische Mängel behebt und zum anderen den Bedürfnissen der Bauherrschaft entspricht», so Thomas Rimer, Tragwerksplanung bei PIRMIN JUNG. «Eine von Planungsbeginn bis hin zur Ausführung sehr bereichernde, erfolgversprechende Teamarbeit».
Die Herausforderung bestand darin, das Gebäude in einen stabilen Zustand zu versetzen, ohne dabei das Wesen und den Ausdruck des bedeutungsvollen Vertreters seiner Zeit zu verfälschen.
Eine Bestandsaufnahme:
Statische Ertüchtigung – Zeitgemässe und werterhaltende Verbindung von Alt und Neu
In der Planung haben wir zusammen mit der Bauherrschaft, der Architektur und der Denkmalpflege sowie mit der Gebäudeversicherung vom Bestand ausgehend das Ausbaupotenzial ermittelt. So wurde beispielsweise auf den Ausbau der Dachgeschosse für Alterswohnungen verzichtet, da das Gebäude in seinem heutigen Ausdruck die zusätzlichen Lasten nicht hätte aufnehmen können.
Das Sanierungskonzept sah aussen keine Veränderungen vor. Im Inneren wurde das originale Holztreppenhaus, die Korridore sowie die auf Hochparterre befindliche Gaststube als integrale Bestandteile mit ihren von 100-jährigen Patina gezeichneten Oberflächen bewahrt. Im Festsaal auf der ersten Etage sowie in mehreren Gästezimmern auf den oberen Stockwerken wurden die historischen Wand- und Deckenbekleidungen demontiert und wieder eingebaut, um den ursprünglichen Charakter des Gebäudes wiederherzustellen. In den restlichen Räumen ergänzen neue Holzbeplankungen das historische Ambiente auf adäquate Weise.
Im Saalgeschoss wurden im Auflagerbereich gebrochene Zerrbalken der vier raumhohen Sprengwerke durch neue Brettschichtholzbalken ersetzt. Die Sprengwerke sind vermutlich bereits bauzeitlich gebrochen, in der Folge haben sich die Lasten in die Balkenlage des Dachbodens gehängt und eine Deformation von bis zu 25 Zentimetern im Boden über dem Saalgeschoss verursacht. Durch Nebentragsysteme, eine geringe Belastung und gutmütige Verformungseigenschaften des Baustoffes Holz kam es nicht zum Einsturz. Zur Sicherstellung eines definierten und direkten Lastabtrags bis ins Untergeschoss wurden dafür acht neue Stützen entlang der Aussenwände eingebaut. Zusätzlich wurden die Aussenwände zur Verbesserung der Horizontalstabilität sowie zur Sicherung des vertikalen Lastabtrags mit auf dem Bohlenständerbau aufgebrachten Dreischichtplatten verstärkt.
Die Decken über der Küche und der Gaststube im Unter- und Erdgeschoss wiesen infolge mehrfacher Eingriffe zur Erneuerung der haustechnischen Installationen eine erhebliche strukturelle Schwächung auf. In diesen Bereichen waren darüber hinaus bauliche Relikte einer ehemals eingebauten Wohnung vorhanden, deren ursprünglich tragende Elemente ihre statische Funktionstüchtigkeit jedoch verloren hatten. Zur Wiederherstellung der Tragfähigkeit wurde mit verschiedenen, gezielten Verstärkungsmassnahmen ein System aus Balkenlagen, Unterzügen und Stützen ergänzt.
Ebenfalls standen Erdgeschoss und Untergeschoss statisch ungünstig aufeinander, sodass die Deckenbalkenlage im Keller grössere Deformationen aufwies. Nicht unerheblich dazu beigetragen hat, dass im Restaurant ein bis zu 20 Zentimeter starker Zementüberzug auf die Deckenbalken aufgebracht wurde. Die Schäden an den Holzbauteilen wurden auf den Einzelfall abgestimmt ertüchtigt.
Bauphysikalische Ertüchtigung – Substanz bewahren, Qualität schaffen
Die spannende Herausforderung bestand darin, die Ansprüche der Nutzenden und Bauherrschaft ideal mit der Bausubstanz zu vereinen und so auf die Bedürfnisse abgestimmte Lösungen umzusetzen. Dies unter dem Aspekt, die Bausubstanz möglichst zu belassen und nicht zusätzlich zu fordern. Auch in der Akustik war die Abstimmung zusätzlicher, für den Schallschutz erforderlicher Lasten mit den bestehenden statischen Rahmenbedingungen ein zentraler Aspekt. Die äusserst leichte und ringhörig gebaute Konstruktion konnte nicht mit zusätzlicher Masse für die Verbesserung des Schallschutzes belastet werden. Die bestehenden Wände wurden jedoch mit Mineralfaserdämmung gedämmt und mit Gipsfaserplatten beplankt. Ebenso wurde in den Decken geschlossene Beplankungen und wo möglich eine Kalksplittschüttung eingebaut. Dies führt zu Verbesserungen im Schallschutz, welche mit der Gebäudestruktur verträglich sind.
Das Ziel war es, die Behaglichkeit zu erhöhen und den Energieverbrauch zu senken. So wurde die bisher nicht gedämmte Konstruktion während des Sanierungsprozesses dort gedämmt, wo die Holzstruktur und der Denkmalschutz dies zuliessen. So konnten die Hohlräume zwischen den äusseren Holzbohlen und der inneren Beplankung mit Steinwolle ausgedämmt werden, was zusammen mit der massiven Holzschicht eine markante Verbesserung bezüglich Wärmeschutz und Behaglichkeit sowie Energieoptimierung ergab.
Heutige Normen und Standards, die es zur Bauzeit des Gebäudes noch nicht gab, lassen sich nicht ohne Weiteres auf bestehende Strukturen übertragen. Gleichzeitig zeigt sich darin der Fortschritt des Bauwesens: Normen schaffen Vergleichbarkeit, Sicherheit und Kontrolle – ihre Nichterfüllung im Altbau ist jedoch kein Mangel, sondern ein Ausdruck der baulichen und kulturellen Entwicklung. Die Substanz selbst bleibt deshalb nicht weniger wertvoll – im Gegenteil: Sie steht für eine Bauweise, die ohne heutige Standards entstanden ist, aber dennoch über Jahrzehnte Bestand hatte.
Um zusätzliche Erfahrungen, auch für weitere Projekte zu gewinnen, wurde ein Messsystem eingebaut, welches den Feuchteverlauf der Konstruktion überwacht.
«Mit vielen Gegebenheiten zu arbeiten und dabei verantwortungsvoll und weitsichtig die Details in der Planung und Ausführung mitgestalten zu dürfen, ist sehr spannend und ein Privileg. Das Gebäude soll viele weitere Jahrzehnte seinen Dienst tun können und für viele Gäste eine schöne Bleibe sein», Simon Huggler, Bauphysik/Nachhaltigkeit bei PIRMIN JUNG.
Brandschutztechnische Ertüchtigung – Anpassung an heutige Standards
Nach rund 120 Jahren war eine technische Erneuerung nötig, die sich nicht nur auf die Küche und die Haustechnik erstreckte. «Auch Sicherheitsstandards im Brandschutz mussten an heutige Anforderungen angepasst werden. In Abstimmung mit der Denkmalpflege und der Gebäudeversicherung haben wir ein Brandschutzkonzept entwickelt», Dominik Krummenacher, Brandschutz bei PIRMIN JUNG. Die Brandschutzertüchtigung umfasste eine verhältnismässige Aufwertung der Geschossdecken und des Tragwerkes, die Nachrüstung einiger Decken sowie Ersatzmassnahmen für die vertikalen und horizontalen Fluchtwege mit sichtbaren historischen Holzbeplankungen, welche rückwärtig ertüchtigt wurden. Eine zusätzliche Aussentreppe wurde in koordinierter Abstimmung mit der Denkmalpflege an der zugangsabgewandten Nordseite angebracht. Dies einerseits als Ersatzmassnahme des ertüchtigten bestehenden vertikalen Fluchtweges, andererseits um den Anforderungen der Personenbelegung des Saales gerecht zu werden. Zusätzlich wird das Gebäude mit einer Brandmeldeanlage (BMA) überwacht.
Das Hotel war als extrem leichte, unglaublich reine Holzkonstruktion erstellt. Es gab kein mineralisches Material in den Obergeschossen. Durch die Brandschutzertüchtigung mit dem Einbau von 65 Tonnen Gipsbeplankungen wurde das Gebäude um mehr als ein Drittel schwerer. Diese Masse musste insbesondere auf Erdbebenkräfte zusätzlich ausgesteift werden. Auf den Aussenwänden innen angebrachte, schubfest vernagelte Dreischichtplatten übernehmen diese Aufgabe. Sie erhöhen ebenfalls die Traglastkapazität in vertikaler Richtung und sichern die historischen Schwalbenschwanzverbindungen der Balken gegen Abscheren.
Durch die kurzen Abstimmungswege zwischen unseren Fachbereichen Tragwerksplanung, Bauphysik und Brandschutz konnten wir bei Zielkonflikten und unerwarteten Erkenntnissen im Sanierungsverlauf zügig reagieren und gemeinsam mit dem Architekturbüro passgenaue Lösungen erarbeiten.
Nun erstrahlt das alte Hotel Kreuz in neuem Glanz und ist gewappnet fĂĽr die kommenden Jahrzehnte.
















































