Ganz im Zeichen von Re-Use
Gefordert war ein einfacher, unkomplizierter Bau nach dem Re-Use Prinzip, mit möglichst geringer Aufbaustärke und einer effizienten Montage. Das Gebäude sollte energieeffizienter sein als die gesetzlichen Vorgaben, Platz für betreutes Wohnen und einen Gewerbeanteil im Erdgeschoss bieten und darüber hinaus auch die lebenszyklusgerechte Austausch- und Ersatzfähigkeit gewährleisten. Der achtsame Umgang mit Ressourcen wie Boden, Energie und Materialien waren ein wichtiger Faktor und ein Ziel zugleich. Weil beim zirkulären Bauen die Demontage genauso stark ins Gewicht fällt, wie der Aufbau, lag ein besonderes Augenmerk auf den verschiedenen Verbindungsmitteln. Ganz im Sinne des «Design for Disassembly-Konzept» wurden Details so konstruiert, dass die Bauteile später möglichst einfach wieder demontiert werden können. So wurden die Gipsfaserplatten in zwei Lagen verbaut und sichtbar geschraubt, wobei in der ersten Lage Abschnitte von Gipsfaserplatten aus einer anderen Produktion verwendet wurden. Im Bereich der Terrasse ist zwecks Schallschutz eine Beschwerung der Tragkonstruktion mit wiederwendeten Betonplatten erstellt worden. Anstatt die Platten mit der Konstruktion zu verkleben – dadurch sollen unerwünschte Resonanzen vermieden werden – wurden diese in eine Splittschicht verlegt, womit die Trennbarkeit sichergestellt wird. Das Team von Zirkular koordinierte im Projekt die Beschaffung verschiedener Re-Use Bauteile. Die engmaschigen Gitterroste beim Laubengang haben ursprünglich als Bettroste gedient, auch für die Dämmung auf den Dächern wurde das Material verwendet, das beim Nachbarsgebäude als temporäre Dämmung der Brandwand eingesetzt war. Dachziegel, welche von unterschiedlichen Gebäuden rückgebaut wurden, zieren heute die Fassade des «LysP8». Selbst im Inneren lag der Fokus auf der Nachhaltigkeit. Die Stahlküchen stammen aus einer Wohnsiedlung in Zürich und haben nun in Basel ein zweites Leben erhalten.
«Architektonisch ist das Projekt sehr detailreich und vielfältig. Es galt, verschiedene Ebenen und Elemente zu verbinden. Zusammen mit dem Architekturbüro konnten stets gute Lösungen gefunden und ausgearbeitet werden. Die Zusammenarbeit hat wunderbar funktioniert.»
Entschiedenheit zahlt sich aus
Die Holzbeschaffung hat sich schwieriger gestaltet, als zuerst angenommen. Ursprünglich war beispielsweise geplant, Lagerhölzer aus den Bauarbeiten im Kerenzerbergtunnel zu übernehmen. Die Schadstoffuntersuchungen, welche bei wiederverwendeten Materialien nicht nur zwingend, sondern auch wichtig sind, haben dann gezeigt, dass die Holzbauteile von der Tunnelbaustelle zu stark belastet sind. Die Entschiedenheit des ausführenden Holzbauunternehmens, Re-Use Holz einzusetzen, hat sich jedoch ausbezahlt. Die 3D Zeichnungen waren bereits gemacht, als in letzter Sekunde über eine Anzeige wiederverwendbares Holz beschafft werden konnte. Gemeinsam mit dem Holzbauunternehmen haben wir eine Sichtprüfung der verschiedenen Bauteile auf Feuchtigkeit, Verformungen, Pilz- und Schimmelbefall durchgeführt. Im Werk wurden die Bauteile durch das Holzbauunternehmen nochmals sorgfältig geprüft und eine entsprechende Aussortierung vorgenommen. Vor Einbau der wiederverwendeten Materialien wurde die Optik ausser Acht gelassen, was später doch ein wenig zu Gesprächsstoff geführt hat. Wiederverwendete Materialien haben natürliche, mehr oder weniger sichtbare Spuren aus ihrem ersten Leben. Das Abschleifen und optische Aufbessern von Holzbalken in einer Testphase hat aber schnell gezeigt, dass nicht nur der Aufwand verhältnismässig zu gross und entgegen des Klimaziels ist, sondern auch die besonderen Eigenschaften und nicht zuletzt auch diese ganz eigene Geschichte jedes einzelnen wiederverwendeten Bauteils verloren gehen.
Innovation trifft auf Konventionelles
Dieses Projekt haben wir ganzheitlich begleitet und zusammen mit dem Architekturbüro massgeschneiderte Lösungen hinsichtlich Tragwerksplanung, Brandschutz, Bauphysik und dem zirkulären Bauen erarbeitet. Das Wohn- und Gewerbehaus besteht aus zwei Gebäuden, dem Langhaus und dem Punkthaus, welche über das offene Treppenhaus miteinander verbunden sind. Die beiden Gebäude bestehen aus einem gleichmässigen Raster und sind mittels einer Stützen- und Unterzugskonstruktion realisiert, dazwischen sind die Deckenelemente aus Brettschichtholz gelegt. Im Übrigen – das Brettschichtholz, welches bei den Deckenelementen verwendet wurde, stammt aus einem temporär errichteten Pavillon, welcher anlässlich des Rennen «Formel E-Prix Zürich 2018» aufgebaut wurde. Von den verbauten 250 Kubikmetern Deckenelementen in Holz stammen 65 Kubikmeter aus Re-Use Material. Insgesamt besteht der Bau aus 567 Kubikmeter Holz in Form von Brettsperrholz, Konstruktionsholz und Plattenwerkstoffe. Das Holz stammt aus der Schweiz, aus Deutschland und Österreich. Das Brandschutzkonzept mit Laubengang und offenem Treppenhaus haben wir in enger Zusammenarbeit mit den Behörden entwickelt.
Beim Bau gibt es einige Spezialitäten und eine weitere Innovation. Wir haben ein neues Unterlagsboden System getestet, genauer den sichtbaren Giess-Lehmboden «Nossim» von Oxara. Diese Art von Boden-Systemaufbau in Kombination mit einer Holzdecke wurde zuvor noch nie eingebaut, weshalb diese Neuheit ausschliesslich in zwei Gewerbebereichen und in einer Wohnung zum Einsatz kam. Sichtbare Unterlagsböden verlangen immer besondere Massnahmen hinsichtlich des Schallschutzes, was unter anderem auch mit entsprechenden Verbindungsmitteln an den Decken erreicht wird. Der Materialaustausch – ein sichtbarer Giess-Lehmboden anstelle eines herkömmlichen Anhydrit Unterlagsboden in Kombination mit der Holzdecke – hat schlussendlich erstaunliche zehn Dezibel bessere Schallschutzwerte in der Wohnung gebracht.
«Die im Vergleich zu konventionellen Lösungen deutlich besseren Schallschutz-Messwerte der neuen Giess-Lehmböden in Kombination mit einer Holzdecke haben gezeigt, dass diese Innovation unbedingt weiterverfolgt werden sollte.»
Das Klima im Zentrum
Das Bewusstsein für die Klima-Thematik ist keine Modeerscheinung, sondern ein wichtiger Bestandteil dafür, dass unsere Welt noch lebendiger und erlebbarer ist und die Zukunft kommender Generationen gesichert wird. Besonders auch in der Baubranche stehen wir in der Verantwortung, die CO₂-Emissionen zu reduzieren und die Kreislaufwirtschaft ins Zentrum zu stellen. Mit kleinen Beiträgen können wir grosse Wirkung erzeugen. Im Projekt in Lysbüchel Süd wurden diese Ansätze und Ansprüche an das Bauvorhaben stark gelebt. Alle Projektbeteiligte standen der Thematik sehr offen gegenüber. Die Bauherrschaft, wie auch das Architekturbüro und das Holzbauunternehmen waren fest daran interessiert, nachhaltig zu bauen und entsprechende Erfahrungswerte zu sammeln. Die Bauherrschaft und das Baumanagement haben sich darüber hinaus intensiv für das Wohlbefinden der Arbeitskräfte auf der Baustelle und für alle Projektbeteiligte eingesetzt. Das Spatenstichfest, das Aufrichtefest und zahlreiche andere Feiern und Einladungen haben den Zusammenhalt gestärkt und die Zusammenarbeit vereinfacht. So gemeinschaftlich, wie es in der Bauzeit zu und herging, soll nun auch das Leben in Lysbüchel Süd gestaltet sein – ein vielfältiges Zusammenleben und Wirken durch Genossenschafterinnen und Genossenschafter, Mieterinnen und Mieter und weiteren Nutzenden – in einem Quartier mit verschiedenen Häusern und Gesichtern, umgeben von Nadel- und Laubbäumen, Sträuchern, Gräsern und bewachsenen grünen Inseln, welche es durchaus mit einem Stadtpark aufnehmen können.
Spannende Zahlen und Fakten
Baubeginn: Mai 2023
Fertigstellung: Januar 2025
Geschossfläche: 2'252 m²
Gebäudevolumen: 7'173 m³
Verbautes Holz: 567 m³
Wiederverwendetes Holz: 65 m³
Erbrachte Leistungen: Tragwerksplanung, Bauphysik, Brandschutz, zirkuläres Bauen
Bauherrin: Stiftung Habitat, Basel
Architektur: Loeliger Strub Architektur GmbH, Zürich
Holzbau: Stamm Bau AG, Arlesheim
Baumanagement: Eitel & Partner GmbH, Basel
Fachplanerin Re-Use: Zirkular GmbH, Basel








