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Auf dem digitalen Holzweg zum Erfolg

Autor: Prof. Dr. Martin Fischer

Das Haus des Holzes demonstriert, wie ein integriertes Projektteam durch die offene Kommunikation mittels BIM eine anspruchsvolle Bauaufgabe gut meistern kann. Die Zusammenarbeit erfolgte über VDC (BIM-Methode). Das Pro­jek­t ist zu­kunfts­wei­sen­d, weil es nich­t nur BIM im Rah­men der ty­pi­schen Ar­beits­pro­zes­se ein­setz­te, konkrete Ziele definiert und auch aktiv bearbeitete, son­dern ein neu­es BIM-ba­sier­tes Sy­ste­m zur Pro­jekt­pla­nun­g nutzte. Prof. Dr. Martin A. Fischer, Professor für Bauingenieurswesen und Umwelttechnik an der Stanford University in Kalifornien, beschreibt nachfolgend, was ihn am Projekt Haus des Holzes begeistert und fasziniert und wie er diese Eindrücke, Erkenntnisse und Inputs in seiner Arbeit und in der Forschung weiter nutzen kann.

Ich erhalte folgende zwei Reaktionen, wenn ich ein Projektteam oder eine Auftraggeberschaft eines Bauprojektes darauf aufmerksam mache, dass ihr anstehendes Projekt viel erfolgreicher realisiert werden könnte, wenn alle Kern-Disziplinen integriert zusammenarbeiten und digitale Werkzeuge dabei unterstützend ausschöpfen:

Die einen schauen mich perplex an, als hätte ich ihnen soeben eine triviale Wahrheit offenbart wie «Wasser fliesst nach unten» und antworten mit «Ja, das wissen wir seit langer Zeit». Die anderen antworten mit «Ja, du hast recht, aber du lebst in einer theoretischen Welt und wir müssen unsere Projekte in der realen Welt umsetzen.» Das Resultat beider Aussagen ist dasselbe. Sowohl der Glaube, man arbeite bereits integriert und digital unterstützt zusammen als auch der Glaube, dass dies erst in Zukunft relevant sein werde, führen dazu, dass Bauprojekte traditionell abgewickelt werden. Dies bedeutet, dass die verschiedenen Disziplinen nur sequenzweise in das Projekt involviert sind. Sie arbeiten ohne klar definierte, gemeinsame, messbare Projektziele, jede Disziplin gefangen in ihrem eigenen Silo mit eigenen Perspektiven auf das Projekt, seine Ziele, die Prozesse und die Informationsflüsse. Daraus resultieren Gebäude, welche nicht optimal funktionieren, wie sie eigentlich könnten und es generiert allen Beteiligten deutlich mehr Aufwand als notwendig.

  • Prof. Dr. Martin A. Fischer (rechts im Bild), Professor für Bauingenieurswesen und Umwelttechnik an der Stanford University in Kalifornien und Direktor des Center for Integrated Facility Engineering (CIFE) vor dem Haus des Holzes gemeinsam mit Pirmin Jung. Prof. Dr. Martin Fischer ist Vorreiter in Forschung und Ausbildung im Bereich Virtual Design for Construction (VDC).
    Prof. Dr. Martin A. Fischer (rechts im Bild), Professor für Bauingenieurswesen und Umwelttechnik an der Stanford University in Kalifornien und Direktor des Center for Integrated Facility Engineering (CIFE) vor dem Haus des Holzes gemeinsam mit Pirmin Jung. Prof. Dr. Martin Fischer ist Vorreiter in Forschung und Ausbildung im Bereich Virtual Design for Construction (VDC).

Im Gegensatz zu diesen typischen Reaktionen demonstriert das Projektteam des Haus des Holzes, dass integrierte Zusammenarbeit auf gut orchestrierten Informationsquellen mit gut definierten Projektzielen nicht bloss nette Theorie, sondern erfolgreiche Praxis sein kann. Als Professor für Ingenieurs- und Management-Methoden für die Bauwirtschaft habe ich gelernt, dass ich fundierte Konzepte mit inspirierenden Praxis-Beispielen kombinieren muss, wenn ich von den Studierenden erwarte, die Konzepte verstehen und anwenden zu können. Einerseits kann man sich reine Theorie kaum merken und deren isolierte Vermittlung führt daher nicht zum gewünschten Erfolg bei Studierenden, die in der Bauwirtschaft berufstätig werden wollen. Andererseits kann lernen anhand von Praxisbeispielen für die Studierenden viel interessanter sein, gibt ihnen aber alleine keinen Rahmen, worüber sie aus den verschiedenen Beispielen die richtigen Schlüsse für künftige Projekte ziehen und Massnahmen ableiten können.

Zum ersten Mal von den Visionen für die Realisierung des neuen Hauptsitzes für die PIRMIN JUNG Schweiz AG in Sursee gehört habe ich von der Projektgesamtkoordinatorin Anne Nyffeler im Rahmen des VDC-Zertifikatsprogrammes für Baufachpersonen, welches ich seit 2008 leite. Was mir dabei besonders aufgefallen ist war, dass das Projektteam alle Aspekte für die Projektziele eines Hochleitstungsgebäudes gemäss dem Buch «Integrating Project Delivery (Fischer, Ashcraft, Reed, Khanzode, 2017)» integrierte: Baubarkeit, Nutzbarkeit, Betreibbarkeit und Nachhaltigkeit. Zusätzlich hatte die Gesamtkoordinatorin realisiert, dass neue Zusammenarbeitsmethoden entwickelt sowie ein vertrauensvolles, offenes und gemeinschaftliches Arbeitsumfeld geschaffen und gepflegt werden mussten und dass es Vieles zu lernen gab, was dokumentiert und zum Teilen aufbereitet werden sollte.

Ich habe viele Projektteams Lippenbekenntnisse zu diesen Ideen machen sehen, aber kein Team hat es bisher so ernst genommen und derart durchdacht und fokussiert durchgearbeitet.

Ich habe weitere Einblicke in den Fortschritt und die Erkenntnisse zu diesem spannenden Projekt erhalten durch Meetings mit Pirmin Jung, Martina Kempf und Anne Nyffeler und habe mich sehr gefreut, dass ich schlussendlich zu der Eröffnungsfeier des Projektes im September 2022 eingeladen wurde und mir das fertige Gebäude anschauen konnte. Mein Besuch im neuen Hauptsitz von PIRMIN JUNG traf zeitlich zusammen mit Gesprächen der Ko-Autoren des Buches «Integrating Project Delivery (Fischer, Ashcraft, Reed, Khanzode, 2017)» über eine zweite Ausgabe des Buches. Unser Fokus für die zweite Ausgabe ist es, die darin beschriebenen Konzepte zum Leben zu erwecken anhand von realen Beispielen von Projektteams, welche wichtige Aspekte von Projektabwicklungen integrieren. Mir kam dabei sofort der Gedanke, dass ich mehr über die Erkenntnisse des Projektteams vom «Haus des Holzes» erfahren und diese teilen können möchte. Ich habe den Bauherrn Pirmin Jung entsprechend angefragt, ob ich einige Zeit im Haus des Holzes verbringen könne, um die Kultur der Firma und die Funktionalität des Gebäudes zu erleben sowie mich mit den Projektteammitgliedern austauschen zu können. Dabei wollte ich die Projektdokumentation einsehen und in Erfahrung bringen, wie das Projektteam gemeinsam die Projektziele entwickelt, die Projektorganisation aufgesetzt die Informationsbedürfnisse und -flüsse definiert, die idealen Werkzeuge bestimmt sowie Arbeitsabläufe orchestriert hat. Pirmin hat enthusiastisch «ja» gesagt zu meiner Anfrage, am Beispiel der Erfahrungen vom Projektteam Schulungsbeispiele zu entwickeln.

Daher habe ich diesen Frühling drei Wochen im Haus des Holzes verbracht. Ich habe die helle, aufgeräumte und komfortable Arbeitsumgebung genossen und es war inspirierend für mich. Ebenso geschätzt habe ich das sehr kollegiale und offene Arbeitsumfeld, welches mir ermöglicht hat von vielen verschiedenen Fachleuten zu lernen, welche in das Projekt involviert waren oder sind seit der Konzeption bis zu Einregulierung, Betrieb und nun Unterhalt. Dies hat mir ermöglicht Einblick zu erhalten, wie das Team definiert hat und auch weiter ausarbeitet, was «Höchstleistung» für dieses Gebäude bedeutet auf ökonomischer, ökologischer und sozialer Ebene. Ich habe erfahren wie Fachpersonen mit verschiedenen Ausbildungshintergründen und Projektrollen die integrierte, digital unterstützte Zusammenarbeit und Abwicklungsprozesse bei diesem Projekt erlebt haben und was sie daraus für weitere Projekte für Erkenntnisse mitnehmen.

Dies hat mir ermöglicht Einblick zu erhalten, wie das Team definiert hat und auch weiter ausarbeitet, was «Höchstleistung» für dieses Gebäude bedeutet auf ökonomischer, ökologischer und sozialer Ebene.

  • Austausch zwischen Anne Nyffeler, BIM-Koordinatorin Haus des Holzes und Martin A. Fischer über die gemachten Erfahrungen und Themen im Projektteam Haus des Holzes
    Austausch zwischen Anne Nyffeler, BIM-Koordinatorin Haus des Holzes und Martin A. Fischer über die gemachten Erfahrungen und Themen im Projektteam Haus des Holzes
  • Austausch zwischen Anne Nyffeler, BIM-Koordinatorin Haus des Holzes, Carina Schmid, Projektleiterin Bauphysik und Martin A. Fischer über die gemachten Erfahrungen und Themen im Projektteam Haus des Holzes
    Austausch zwischen Anne Nyffeler, BIM-Koordinatorin Haus des Holzes, Carina Schmid, Projektleiterin Bauphysik und Martin A. Fischer über die gemachten Erfahrungen und Themen im Projektteam Haus des Holzes

Mit Unterstützung von Anne und anderen bei PIRMIN JUNG arbeite ich nun weiter an Schulungsbeispielen basierend auf den Erfahrungen rund um das Haus des Holzes. Diese Beispiele werden es mir und anderen ermöglichen, die Kernkonzepte der integrierten Projektabwicklung so zu vermitteln, dass sie sofort mit alltäglichen Herausforderungen der Bauwirtschaft verknüpft und dadurch deren Wichtigkeit und Umsetzung besser verstanden werden können. Ich plane diese Beispiele in meinem Bachelor-Kernmodul «Managing Sustainable Building Projects» im Departement «Civil and Environmental Engineering» an der Stanford University zu verwenden. Dieses Modul wird von Studierenden belegt, welche sich für Architektur, Bauingenieurwesen, Gebäudeenergieperformance, Umweltingenieurwesen, Bauweisen und Immobilienentwicklung interessieren. Durch Professorin Nea Maloo wird dieses Modul simultan auch im Architektur-Studiengang an der Howard University, der führenden historisch schwarzen Univeristät in den Vereinigten Staaten von Amerika, angeboten. Weiter habe ich vorgesehen, die Beispiele für die zweite Auflage des Buches «Integrating Project Delivery (Fischer, Ashcraft, Reed, Khanzode, 2017)» zu integrieren damit Fachpersonen und andere Ausbildende auch davon profitieren können. Ich hoffe, dass die zu Lernzwecken aufbereiteten Beispiele PIRMIN JUNG intern ebenso hilfreich sein werden, um Mitarbeitenden und Projektpartnern aufzuzeigen, wie Zigerichtete, digital unterstüzte Zusammenarbeit aussehen könnte, wie es funktioniert und was für Erfolge damit erzielt werden können. Obwohl die vom «Haus des Holzes» angewendeten Methoden in vielen Bereichen bahnbrechend und pionierhaft sind, sehe ich darin erst den Anfang der Entwicklungen von erfolgreicher Mensch-Computer-Zusammenarbeit in kreativer und produktiver Art und Weise sodass viele weitere Projektteams besser auf die Bedürfnisse und Rahmenbedingungen von Gebäudenutzern, -eigentümern und weiteren Teilhabenden, der Gesellschaft und schlussendlich dem Planeten hinarbeiten können.