Mit dem Architekturbüro ACMS aus Wuppertal verbinden uns langjährige Erfahrungen aus gemeinsamen, zukunftsweisenden Projekten. Dazu gehören unter anderem die neue Grundschule in Marl, das Studierendenwohnheim Sumperkamp in Bochum und das kürzlich fertig gestellte Leuchtturmprojekt in Rosenheim - den Campus RO - um nur einige zu nennen.
Die Fertigstellung des Campus RO haben wir zum Anlass genommen Prof. Dipl.-Ing. Christian Schlüter einige Fragen zu stellen. Hier seine Antworten, interessanten An- und Aussichten sowie seine Meinung über Architektur, das Bauen mit Holz. Aber auch über die auf uns zukommenden Herausforderungen und die Chancen, die sich hieraus ergeben.
Stellen Sie sich und Ihr Büro unseren Leserinnen und Lesern doch bitte kurz vor!
Mein Name ist Christian Schlüter. Ich bin einer von drei geschäftsführenden Gesellschaftern des Architekturbüros ACMS Architekten mit Sitz im schönen und oft unterschätzten Wuppertal. Wir setzen uns seit über 25 Jahren mit viel Leidenschaft und circa 30 weiteren Mitarbeitenden mit architektonischen Fragen auseinander. Als Gründungsmitglied in der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen sind dabei Themen der Ressourcenschonung, der Vorfertigung und des Bauens im Bestand für uns von zentraler Bedeutung.
Seit 2008 darf ich die Themen des Nachhaltigen Bauens und Konstruierens und das Bauen im Bestand als berufener Professor an der Hochschule Bochum auch mit Studierenden diskutieren.
Was verbinden Sie mit dem Gedanken Architektur und Holz?
Für uns war Holz immer ein besonderer Werkstoff mit tollen Eigenschaften. Wir sind über die aus unserer Sicht zur Qualitätssicherung erforderliche Vorfertigung zum Holzbau gestoßen. Insofern war es zunächst ein sehr technischer Zugang. Schnell haben wir aber die gestalterischen und auch emotionalen Stärken von Holz erkannt. In unserem Verständnis ist Holz aber weder „gut“ noch „böse“. Dies gilt auch für andere Baustoffe.
"Wir wollen Baustoffe mit ihren jeweiligen Stärken und Schwächen in sinnfälliger Weise einsetzen."
Und welche Rolle spielt für Sie der Holzbau in Deutschland?
In der aktuellen Diskussion kann man den Eindruck gewinnen, dass der Holzbau alle Probleme im Baubereich löst.
Das sehen wir anders. Ein Gebäude mit Holz hat die Chance die Umwelt weniger stark zu belasten, als manch andere Materialien, aber es bleibt eigentlich immer bei einer Belastung. Auch wenn wir uns freuen, dass die Anwendung von Holz aus technischen und vor allem rechtlichen Gründen neue Möglichkeiten erschließt, sollten wir uns klarmachen, dass auch dies ein endlicher Rohstoff ist. Daher kann nicht jede Anwendung gut geheißen werden, nur weil Holz genutzt wird.
Wie kann sich der Holzbau denn in seiner Breite weiter entwickeln? Gibt es Potential bzw. wo sehen Sie Schwierigkeiten?
Der Holzbau hat aus meiner Sicht die Breite der Anwendungen längst erreicht. Neue Schulen und Kindergärten werden heute schon überwiegend in Holz konzipiert. Auch im mehrgeschossigen Wohnungsbau sind vielfältige Lösungen und Anwendungen vorhanden. Im eingeschossigen Wohnungsbau steigt die Holzanwendung ebenfalls.
Somit belasten diese Gebäude die Umwelt zwar insgesamt weniger, aber weiterhin in einem nicht hinzunehmenden Maße. Ein gutes Beispiel für die Schwierigkeiten das Bauen mit Holz, das eben nicht den grundsätzlich problematischen Ansatz eines neuen Einfamilienhauses retten kann.
Wo gibt es Ihrer Meinung nach Hemmnisse beim Bauen mit Holz?
Ohne echte CO2-Bepreisung bleibt der Holzbau - auch wenn man die aktuellen Marktverwerfungen unberücksichtigt lässt - doch circa 5 - 10 % teurer als mineralische Bauweisen. Bei der sich ändernden wirtschaftlichen Ausgangslage wird das ggf. ein größeres Hemmnis werden.
"Die alles entscheidende Herausforderung der nächsten Jahre ist die Reduktion der CO2-Emmissionen!"
Was sind aus Ihrer Sicht in den nächsten Jahren die größten Herausforderungen im Baubereich? Die Verfügbarkeit von Rohstoffen? Der Mangel an qualifizierten Fachkräften? Oder etwas ganz anderes?
Da auch neue Holzgebäude real die Umwelt mit Treibhausemmissionen belasten, muss jeder Neubau sehr kritisch abgewägt werden. Solange wir die technisch lösbare Aufgabe von ausreichender Energieversorgung mit regenerativer Energie nicht gelöst haben, müssen wir den Energieverbrauch weiter drastisch reduzieren.
Dafür ist die Bestandsanierung absolut notwendig. Hier liegt sicher ein großes Potential - auch für den Holzbau. Wie Sanierungen mit vorgefertigten Holztafelelementen funktioniert, haben wir schon vor über 20 Jahren an etlichen Objekten gezeigt. Diese Anwendung wird vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels trotz wirtschaftlicher Schwierigkeiten in der Zukunft sicher eine große Rolle spielen.
Werden Sie von Bauherrn direkt auf das Bauen mit Holz angesprochen oder müssen Sie aktiv Überzeugungsarbeit leisten?
Ich glaube, dass unser sehr rationaler Ansatz hinsichtlich der Baustoffauswahl bei Entscheidungsträgern besonders gut ankommt. So empfehlen wir auch in manchen Fällen - entgegen des Wunsches des Bauherrn - keine reine Holzbaulösung, wenn z.B. Speichermasse für ein energetisches Konzept eine große Bedeutung hat.
"Wir wollen eine offene und nach Fakten ausgerichtete Diskussion und Entscheidung bei der Baustoffauswahl. Nach unserer Auffassung kann man nur so wirklich überzeugen."
Gibt es Lehren und Erkenntnisse, die Sie aus den Erfahrungen der letzten Jahre gezogen haben?
Aufgrund der Erkenntnis über die Begrenztheit - auch der Ressource Holz - halten wir Holzgebäude mit möglichst wenig Holz für sinnfällig. Der Trend der letzten Jahre nach immer mehr Massivholzlösungen ist daher kritisch zu hinterfragen.
Sie haben bereits mehrfach mit PIRMIN JUNG gemeinsam Projekte realisiert. Was nehmen Sie aus der Zusammenarbeit mit?
Wir schätzen die Möglichkeit der intensiven und fachlich hochkarätigen inhaltlichen Auseinandersetzung, ebenso wie die menschliche Offenheit und Zugewandtheit. Für eine dauerhafte und erfolgreiche Zusammenarbeit ist aus unserer Sicht beides notwendig.
Also freuen wir uns auf die zukünftigen gemeinsamen Aufgaben.
"Die Zusammenarbeit mit PIRMIN JUNG ist für uns zu jeder Zeit inspirierend und freudvoll."
Wenn Sie sich etwas wünschen dürften: Was sähe Ihre Idealvorstellung vom Bauen mit Holz aus?
Ich wünschte mir, wir würden den neuen Bericht des Club of Rome „Earth for All“ sehr viel ernster nehmen, als den vor 50 Jahren erschienenen.
Dann hätten wir die Chance in einer Welt zu leben, wo der Holzbau wie viele andere Materialien auch für das bis dahin selbstverständliche zirkuläre und emmisionsfreie Bauen zur Verfügung steht.
Vielen Dank für Ihre Offenheit, die interessanten Gedanken und die Zeit, die Sie sich für unser Gespräch genommen haben.
Spannende Fakten
Prof. Dipl.-Ing. Christian Schlüter, studierte Architektur mit dem Schwerpunkt »Ökologisches Bauen und Entwerfen« an der BUGH Wuppertal. Von 1991 bis 1998 war er in Projektpartnerschaften mit Ingenhoven, Overdiek, Petzinka und Partner in Düsseldorf tätig. 1998 gründete er gemeinsam mit Michael Müller das Architektur Contor Müller Schlüter in Wuppertal, heute ACMS Architekten GmbH.
2001 erfolgte die Berufung in den Bund Deutscher Architekten BDA. Nach Lehraufträgen für konstruktives Entwerfen an der Bergischen Universität Wuppertal von 1998 bis 2002 wurde er 2008 an die Hochschule Bochum berufen. Er vertritt dort die Lehrgebiete »Nachhaltiges Bauen und Konstruieren« sowie »Bauen im Bestand«. Er ist seit 2007 Gründungsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen e.V. (DGNB) sowie seit 2015 Mitglied und seit 2019 Vorsitzender des Gestaltungsbeirates der Stadt Dortmund. Im Jahr 2018 erfolgte die Berufung in den Expertenkreis der Forschungsinitiative Zukunft Bau des Bundesbauministeriums, 2022 die Berufung als Fachexperte im Thinktank „Wettbewerb“ zur Wiedererrichtung der Schinkel’schen Bauakademie in Berlin.
Titelfoto: Sigurd Steinprinz, Düsseldorf













