Nach einer Bauzeit von knapp drei Jahren bietet die neue Schule insgesamt Platz für rund 200 Schülerinnen und Schüler. Die ersten 35 Kinder waren schon im September 2019 übergangsweise in einer modernen Containerlandschaft untergebracht und freuen sich nun über ihre innovative und neue Grundschule. Mit dem Neubau sollen vor allem junge Familien unterstützt und eine Lücke im Angebot an Grundschulplätzen in München geschlossen werden.
Das Grundkonzept der neuen Grundschule basiert auf multifunktionalen Lernlandschaften und stärkt so die Basis für optimales Lernen.
Ein besonderer Grundriss in Form eines lang gestreckten Sechsecks
Der Grundriss der neuen Schule gleicht einem lang gestreckten Sechseck, das über die lange Seite des Gebäudes circa 58 m und über die kurze etwa 25 m misst. Die Firstlinie des symmetrischen Satteldachs, mit einer Neigung von 10° und einem umlaufenden Dachüberstand von circa 30 cm, liegt auf einer Höhe von 12,5 m. Das Satteldach verläuft über die Mittelachse in Nord-Süd-Richtung.
Ein durchdachtes Raumprogramm unterstĂĽtzt das geplante Lernkonzept
Das Raumprogramm des Schulgebäudes umfasst neben den Lernräumen auch Ruhe- und Gemeinschaftsbereiche, welche die Umsetzung eines pädagogischen Lernkonzepts unterstützen.
Bei der Raumaufteilung wurde während der gesamten Planungszeit auf Zweckmäßigkeit und praktikable Nutzung geachtet. Ein Mehrzweckraum, die Mensa mit Küche, ein Werkbereich und die Verwaltung der Schule sind im Erdgeschoss rund um die großzügige Pausenhalle angeordnet.
Der helle Treppenraum erweitert die Halle nach oben und ist von dort aus auch einsehbar.
Der nachhaltige Neubau stellt sich somit einerseits als klassisches Schulhaus dar und lässt aber andererseits mit der gut durchdachten Grundrissaufteilung den pädagogischen Ansatz des Lernhauskonzepts* erkennen.
Wunsch der Bauherrschaft: "So wenig Stahl wie möglich!"
Das dreigeschossige Gebäude wurde mit Ausnahme der beiden außenliegenden Treppenhäuser und ein paar wenigen Stahlträgern komplett in Holzbauweise ausgeführt. Sämtliche Außenwände sowie die tragenden und aussteifenden Innenwände bestehen dabei aus Brettsperrholz-Elementen.
Die bestehende Tiefgarage des Areals wurde um einen neuen Teil erweitert. Diese und das Untergeschoss wurden in Stahlbetonbauweise erstellt. Davon abgesehen, wurde dem Wunsch des Bauherrn "So wenig Stahl wie möglich" bestmöglich entsprochen.
Dr. Ing Rudolf FindeiĂź (Sailer Stepan Tragwerkteam MĂĽnchen GmbH) ĂĽber den Stahlbeton-Unterbau
"Die Lage des Schulgebäudes in Teilbereichen über der bestehenden Tiefgarage machte eine Nachrechnung des Bestands erforderlich. Die überschüttete Decke wurde mittels HDW-Stahlen im Anschlussbereich freigelegt und erweitert. Neben dem Untergeschoss der Schule wurden so 22 neue Stellplätze angebunden.
Die Stahlbeton-Fluchttreppen der Schule wurden im UG abgefangen und sind horizontal durch die aufgehende Holzkonstruktion gehalten. Die Lage der Gründung direkt über der U-Bahn Röhre der U5 erforderte einen Nachweise der zusätzlichen Gebäudelasten unter Berücksichtigung des im Baufeld gelegenen Notausstiegs, der auch während der Bauzeit freigehalten werden musste."
Die sehr groĂźen Spannweiten von bis zu 10,2 m wurden teilweise mit
mehrfeldrigen Holz-Beton-Verbunddecken und
Holz-Beton-Verbund-PlattenbalkenunterzĂĽgen ausgebildet. Der Holzteil der
Decken besteht dabei aus Brettstapel-Elementen. Der Holzteil der
UnterzĂĽge aus blockverleimten Brettschichtholz. Hier machte man sich die
positiven Eigenschaften beider Materialien – Holz und Beton – zu Nutze.
Mit reinen Holzunterzügen hätte man die geforderten Spannweiten bei den zur Verfügung stehenden Raumhöhen nicht realisieren können.
Das Dach der neuen Grundschule besteht aus einer Sparrenkonstruktion. In Teilbereichen kragen diese Sparren bis zu drei Meter aus. Die Gebäudeaußenwände springen in diesen Bereichen um das Maß der Auskragung zurück.
Hängende Balkone in den Obergeschossen
An den auskragenden Sparren wurden die Balkone der beiden Obergeschosse, die ebenfalls aus einer Balkenkonstruktion bestehen, abgehängt. Die jeweils über die halbe Gebäudelänge verlaufenden Balkone liegen auf der hier zurückspringenden Außenwand auf. In der Geländerebene hängen die Balkone allerdings an der auskragenden Dachkonstruktion.
Eine monolithisch wirkende Fassade
Die im Sockelbereich monolithisch wirkende Fassade ist in den Obergeschossen netzartig mit einer Leistenstruktur überzogen und verleiht dem sechseckigen Gebäude eine moderne und leichte Optik.
Diese vertikal ausgerichtete Holzlamellen-Konstruktion bildet im Bereich der Balkone gleichzeitig die Geländerkonstruktion.
Besondere Treppenhäuser als besondere Herausforderung
Der Zugang zu den beiden Obergeschossen kann über drei Treppen erfolgen. Zwei Treppen an den beiden Enden der langen Gebäudeseite und eine weitere im mittleren Bereich der Grundschule.
Besonders dabei sind die außenliegenden Treppenhäuser. Diese wurden vor Ort betoniert und stehen nur auf einem bzw. zwei Punkten in den Treppenaugen auf. Die Vertikallasten werden über diese Punktlasten abgetragen. Die Horizontallasten werden an den Holzbau angeschlossen. Das nördliche Treppenhaus steht nur auf einem Punkt auf. Damit das Treppenhaus dabei nicht umkippt, muss der Holzbau zusätzliche, horizontale Lasten abtragen.
Der Holzbau nimmt also die teilweise enormen H-Lasten auf und sorgt dafür, dass die Treppenhäuser nur mit diesem einen Auflager im Treppenauge auskommen. Die beiden äußeren Treppenhäuser dienen im Notfall zusätzlich als bauliche Rettungswege. Dagegen ist die Treppe im Innenbereich als reine Holzkonstruktion aus Brettsperrholz und einem «Stützenwald» aus Brettschichtholz errichtet.
Aussteifung des Gebäudes
Die Aussteifung des Gebäudes erfolgt in den Decken über dem Erdgeschoss sowie dem ersten Obergeschoss über die Ausbildung einer aussteifenden Scheibe im Überbeton der HBV-Decken. Im Dach werden für die Aussteifung Rispenbänder herangezogen. Die Lasten aus den horizontalen Ebenen werden an Brettsperrholzwände weitergeleitet und über diese in die massiven Stahlbetonbauteile des Untergeschosses bzw. des Fundamentes abgeleitet.
Die zuvor erwähnten außenliegenden Stahlbetontreppenhäuser erzeugen durch ihre besondere Auflagerung zudem Horizontalkräfte, die durch das Aussteifungssystem des Holzbaus abgetragen werden müssen.
Sichtbare Holzoberflächen an den Wänden und den Decken zeigen den besonderen Bezug der Bauherrschaft zum Naturbaustoff Holz.
Die Innenräume mit viel Holz
Im Innenraum sind fast ausschließlich sichtbare Holzoberflächen realisiert. Teilweise wurden hierfür hölzerne Vorsatzschalen verwendet. In vielen Bereichen waren allerdings die Anschlüsse so zu gestalten, dass sie trotz der sichtbaren Oberfläche unsichtbar im tragenden Bauteil verschwinden mussten. Bei den teilweise sehr hohen Aussteifungslasten stellte das eine große Herausforderung dar, konnte aber dank der guten Kommunikation und Zusammenarbeit zur Zufriedenheit aller gelöst werden.
Matthias Marschner von hirner & riehl ĂĽber das Projekt:
"Auch ein Schulhaus aus Holz muss in erster Linie funktional und städtebaulich gedacht werden. In der Grundschule Haidhausen bestand die Herausforderung darin, innerhalb einer funktionalen Logik mit unterschiedlicher Raumstruktur in Erdgeschoss und den Obergeschossen und einem polygonalen Grundriss eine überzeugende konstruktive Systematik zu entwickeln."
Spannende Facts & Figures
Bauzeit: 2019 – 2022
Bauherr: Erzdiözese München und Freising KdöR, DE-80333 München
Architektur: hirner & riehl architekten und stadtplaner partg mbb, DE-80336 MĂĽnchen
Tragwerksplanung Holzbau: PIRMIN JUNG Deutschland GmbH, DE-53424 Remagen
Tragwerksplanung Massivbau: Sailer Stepan Tragwerkteam MĂĽnchen GmbH, DE-80807 MĂĽnchen
Holzbau: Obermeier Holzbau GmbH, DE-83093 Bad Endorf
Fotografie: Sebastian Schels
Wissenswertes: Das Lernhauskonzept
Das Münchner Lernhauskonzept ist ein Konzept für den Neubau von Schulgebäuden, welches die besonderen räumlichen, pädagogischen und personalorganisatorischen Anforderungen von Schulen berücksichtigt.
Ein Lernhaus versteht sich räumlich wie organisatorisch als eine „kleine Schule“ innerhalb der großen Schulgemeinschaft, in der mehrere Jahrgangsstufen zusammengefasst werden. Das Konzept möchte die architektonisch, pädagogisch und schulorganisatorisch notwendigen Voraussetzungen für die Umsetzung des rhythmisierten Ganztags und der Inklusion schaffen. Schüler aller Klassenstufen lernen in „Clustern“, die – je nach Schulart – aus mehreren Klassenzimmern, Räumen für die ganztägige Betreuung oder Differenzierung und einem Teamzimmer für Lehrkräfte und pädagogisches Personal bestehen. Diese Räume gruppieren sich um den „Marktplatz“, der die Mitte der Einheit bildet. Dieses Zentrum soll viele Möglichkeiten für Individualisierung, Gruppenarbeiten, Präsentationen oder einfach für Pausen und Entspannung genutzt werden.





















