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SAWA – Zirkuläres Bauen im Hafen von Rotterdam

Remagen, November 2025

Von Beginn an standen vier zentrale Kernthemen im Mittelpunkt des neuen Holzhochhauses SAWA im Hafen von Rotterdam: die Schaffung eines zirkulären Gebäudes, CO₂-Reduzierung, Verbesserung der Artenvielfalt und die Bereitstellung von erschwinglichem Wohnraum für eine integrative Gemeinschaft. So ist hier ein wegweisendes Holzhochhaus entstanden, das nicht nur durch seine beeindruckende Höhe von rund 54 Metern und 16 Geschossen besticht, sondern auch durch seine terrassenförmige, moderne Optik.

Architektur im Kreislauf

Die Grundlagen für die Verwirklichung der hohen nachhaltigen Ansprüche wurden bereits in den Entwürfen des Architekturbüros mei architects mithilfe des durchdachten, kreislauffähigen Architekturkonzepts geschaffen. Das nach dem Open-Building-Prinzip realisierte Holzhochhaus ermöglicht durch sein innovatives Baukastensystem aus Holz eine flexible Grundrissgestaltung und anpassbare Wohnraumgrößen. Das Öko-Wohnbauprojekt legt somit bewusst den Fokus auf Zirkularität und nachbarschaftliche Integration.

Moderner Wohnraum trifft auf zukunftsorientierte Bauweise, die ökologischen und sozialen Ansprüchen gleichermaßen Rechnung trägt.

Ein Herz aus Holz

Um dieses Leuchtturmprojekt in die Realität umsetzen zu können, haben bereits lange vor den ersten Arbeiten auf der Baustelle, internationale Expertinnen und Experten bewährte Holzbaulösungen geschickt miteinander kombiniert und hieraus neue und innovative Ansätze entwickelt. Erklärtes Ziel des Planungsteams war es, den Holzeinsatz auf ein Maximum zu erhöhen und den Bedarf an Beton und Stahl in der Konstruktion größtmöglich zu minimieren.

Das Herzstück des nach außen gestuften Holzhochhauses bilden massive Brettschichtholzstützen und -unterzüge, die dem Gebäude eine beeindruckende Stabilität verleihen. Sie ruhen auf einer aufwendigen Pfahlgründung im weichen Untergrund des Rotterdamer Hafens. Die Bodenplatte und das «Deck» sind aus Stahlbeton gefertigt, ebenso der aussteifende Erschließungskern und die hohen, mehrgeschossigen Säulen, welche die hohe Durchfahrt unter dem abgetreppten Bauteil an der Stirnseite stützen.


  • Tragwerk des Gesamtgebäudes mit PfahlgrĂĽndung im weichen Hafengrund
    Tragwerk des Gesamtgebäudes mit Pfahlgründung im weichen Hafengrund

Alle übrigen Komponenten sind in Holzbauweise erstellt. Ein klassisches Stützen-Unterzug-System aus Brettschichtholz und Baubuche mit Deckenelementen sowie einigen aussteifenden Wänden aus Brettsperrholz (BSP). Die tragenden Holzstützen haben Querschnitte von 60 x 60 Zentimeter, auf denen 60 Zentimeter breite und 52 Zentimeter hohe Unterzüge aufliegen. Darauf folgt eine massive Brettsperrholz-Decke mit einer Dicke von 24 Zentimetern. Diese spannt über circa sechs Meter bei einem Achsraster von etwa sieben Meter. Die Außenwände sind nichttragend und ebenfalls in Holzbauweise ausgeführt. Auch die Innenwände bestehen aus einer nichttragenden Trockenbauweise, was die Flexibilität des Open-Building-Konzepts unterstützt. Für die horizontale Aussteifung wurden zwei Hauptachsen definiert: Einerseits ein konventioneller Stahlbetonkern als Treppenhaus und andererseits ein nicht-ideales Fachwerk, welches insgesamt über acht Geschosse ausgeführt ist und sich aufgrund der Abtreppung auf drei Achsen aufteilt. In den unteren vier Geschossen dienen massive Brettsperrholz-Wände in Verbindung mit einem Stahlfachwerk in der Außenwand zur Durchfahrt zur Aussteifung.


  • Projektleiter Max Pirschel auf Baustellenkontrolle
    Projektleiter Max Pirschel auf Baustellenkontrolle
  • Projektleiter Max Pirschel auf Baustellenkontrolle
    Projektleiter Max Pirschel auf Baustellenkontrolle
  • Baustellenkontrolle
    Baustellenkontrolle

Die Haupttragstruktur des SAWA besteht zu über 90 Prozent aus Holz und es wurden rund 3´500 Kubikmeter Holz allein für die Tragstruktur verbaut.

Konstruktive Herausforderungen

Das System der Laubengänge stellte eine der größten konstruktiven Herausforderung dar. Balkonplatten aus Stahlbeton-Fertigteilen liegen auf auskragenden Holzbalken auf, die durch die thermische Hülle führen. Der Anschluss war insbesondere hinsichtlich Wärmebrückenfreiheit und Lastabtragung komplex. Diese Kragarme tragen die gesamte Last der Beton-Fertigteil-Balkone mit deren Bepflanzung. Auf Grund des gewählten Tragsystems, von auskragenden Trägern, mussten teilweise bis zu 5´000 kN durch den Knotenpunkt am Auflager durchgeleitet werden. Dies erforderte hochpräzise Stahlverbindungen zur Lastdurchleitung im inneren des Holzquerschnitts dieser auskragenden Träger.

Keine klassischen Rasterlösungen

SAWA weist mehrere konstruktive Einzelbereiche auf, die von klassischen Rasterlösungen abweichen. Besonders relevant ist ein viergeschossiger Gebäudeteil, der sich aus dem Achsraster löst und in einem Winkel zum Hauptraster steht. Wie in allen anderen Bereichen konnten hier auskragende Unterzüge eingesetzt werden, weshalb sogenannte «Galgenstützen» entwickelt wurden. Diese bestehen aus einem Stück Brettsperrholz-Element, aus dem eine L-förmige Stütze inclusive Kragarm herausgeschnitten wurde – eine Art biegesteife Ecke aus Brettsperrholz. Tragfähigkeitsnachweise erfolgten über spezielle Druckprüfungen. Ein Aufwand, der sich durch den Wegfall komplizierter Verbindungsmittel rechtfertigte und nun als innovatives Vorbild dienen kann.

  • GalgenstĂĽtzen zur Aufnahme der Balkone und Laubengänge
    Galgenstützen zur Aufnahme der Balkone und Laubengänge
  • Auskragende UnterzĂĽge zur Aufnahme der Balkone. Laubengänge mit Kraftdurchleitung. (Quelle: Ossip van Duivenbode)
    Auskragende Unterzüge zur Aufnahme der Balkone. Laubengänge mit Kraftdurchleitung. (Quelle: Ossip van Duivenbode)

«Während SAWA von außen schlicht wirkt, verbirgt sich im Inneren eine anspruchsvolle Konstruktion. Die Anforderungen in Rotterdam und die Projektkomplexität haben die Planung zu einer extrem fordernden, aber auch spannenden Reise gemacht. Am Ende können wir alle stolz auf das sein, was wir geschaffen haben, und darauf, dass wir viele weitere Türen für den Holzbau geöffnet haben», erzählt unser Projektleiter Max Pirschel.

  • Max Pirschel, FĂĽhrungsteam | Tragwerksplanung
    Max Pirschel, FĂĽhrungsteam | Tragwerksplanung

Logistik-Meisterleistung im Hafen

Auch die Logistik war herausfordernd: Durch das Baufeld direkt am Hafenbecken war kaum Lagerfläche vorhanden. Die vorgefertigten Holzbauelemente – inklusive der großen Fachwerkträger – wurden just-in-time per Lastwagen und teils per Schiff geliefert und am Lieferungstag montiert. Das erforderte höchste Präzision in Planung und Ausführung.

  • Quelle: Aiste Rakauskaite
    Quelle: Aiste Rakauskaite
  • Quelle: Aiste Rakauskaite
    Quelle: Aiste Rakauskaite
  • Quelle: Aiste Rakauskaite
    Quelle: Aiste Rakauskaite

SAWA beeindruckt mit seiner präsenten, aber schlichten Konstruktion, und bietet Holz in allen Bereichen die perfekte Bühne.

Ein Maximum an Zirkularität und Nachhaltigkeit

Das gesamte Projekt besticht durch seinen hohen Einsatz von Holz und einen auf das Minimum reduzierten Einsatz von Beton und Stahl, wodurch es ganzheitlich die Prinzipien des «Urban Mining» und der Zirkularität umsetzt. Das für SAWA verwendete Holz stammt laut mei architects aus nachhaltiger Forstwirtschaft. Alle übrigen Materialien sind ebenfalls biobasiert und mit einem Materialpass versehen, der ihre Herkunft und Wiederverwendbarkeit dokumentiert.

Ein Robustheitskonzept gewährleistet beste Sicherheit

Als Sicherheitsanforderung war die Erstellung eines Robustheitskonzept gefordert. Dieses bezieht sich auf die Fähigkeit der Tragstruktur, unter Einwirkung äußerer Kräfte, Belastungen oder unerwarteter Ereignisse standzuhalten, ohne einen Gesamtausfall des Gebäudes zur Folge zu haben.

Die von uns entwickelte Lösung ist eine Seilkonstruktion, die wie ein Fangnetz konzipiert ist. Die Last einer ausfallenden Stütze wird über Zugseile, welche durch das gesamte Gebäude gespannt sind, aufgefangen und in die benachbarten Deckenfelder eingeleitet. So kann sichergestellt werden, dass die Standsicherheit im Ernstfall weiterhin gegeben ist, wenn im Gebäude eine beliebige Stütze ausfällt.

  • Veranschaulichung Verformung bei StĂĽtzenausfall
    Veranschaulichung Verformung bei StĂĽtzenausfall
  • Statisches System bei StĂĽtzenausfall
    Statisches System bei StĂĽtzenausfall

Ästhetik, Vielfalt und Biodiversität für hohe Lebensqualität

Bei diesem Projekt spielt Holz nicht nur in der Konstruktion eine zentrale Rolle, sondern ist auch in den anderen Bereichen wie Wohnungen, auf Galerien und Balkonen sichtbar. In den über 100 Eigentums- und Mietwohnungen mit Wohnflächen von 50 bis 165 Quadratmetern schafft es eine angenehme Wohnatmosphäre und unterstreicht die ästhetischen Qualitäten des sichtbaren Holzes.

Angesichts des globalen Wachstums der Städte ist es von entscheidender Bedeutung, auch die Auswirkungen auf das gesamte Ökosystem zu berücksichtigen. Neben der Schaffung von Wohnraum für Menschen wird der Lebensraum von Tieren und Insekten zunehmend eingeschränkt. SAWA setzt sich für Biodiversität ein und schafft durch nachhaltige Bauweise und die Integration von Grünflächen einen Lebensraum, der den Bedürfnissen von Menschen und Natur gerecht wird.

Hierzu wurden in Kooperation mit Expertinnen und Experten aus den Bereichen Stadtökologie, Biologie und Botanik Entwürfe konzipiert. So gibt es auf den Terrassen und Balkonen beispielsweise fest installierte Blumen- und Pflanzenkübel. Die Bepflanzung wird standortgerecht angelegt und soll Nahrung und Lebensraum für verschiedene Tier- und Insektenarten bieten. Zudem wurden Nistkästen installiert, um Vögeln, Fledermäusen und Insekten ein neues Zuhause und einen sicheren Unterschlupf zu bieten.

  • Quelle: Aiste Rakauskaite
    Quelle: Aiste Rakauskaite
  • Quelle: Aiste Rakauskaite
    Quelle: Aiste Rakauskaite
  • Quelle: Aiste Rakauskaite
    Quelle: Aiste Rakauskaite
  • Quelle: Aiste Rakauskaite
    Quelle: Aiste Rakauskaite
  • Quelle: Aiste Rakauskaite
    Quelle: Aiste Rakauskaite
  • Quelle: Aiste Rakauskaite
    Quelle: Aiste Rakauskaite

SAWA als Statement fĂĽr das Bauen von morgen.

«SAWA ist kein gewöhnliches Wohngebäude: Als erstes aus Holz gebautes Hochhaus in Rotterdam setzt es neue Maßstäbe für nachhaltiges und gesundes Wohnen. Seine einzigartige Architektur mit üppigen, grünen Terrassen und seiner warmen Ausstrahlung trägt sowohl zur städtischen Biodiversität als auch zu einer hohen Lebensqualität bei. Die Zusammenarbeit mit PIRMIN JUNG war für die Realisierung dieses ikonischen Projektes von unschätzbarem Wert. Ihre Fachkenntnisse und Erfahrung waren unverzichtbar, und die Zusammenarbeit war äußerst angenehm», meint Arjan Nolles, Projektentwickler bei ERA Contour B.V.

  • Arjan Nolles, ERA Contour B.V.
    Arjan Nolles, ERA Contour B.V.

Mit SAWA verändern wir nicht nur die Skyline von Rotterdam. Das Projekt beweist zudem eindrücklich, dass Holz ein traditionsreicher Baustoff und ein zukunftsweisendes Material für den modernen Städtebau ist.

Projektinformationen

Standort
Lloydquartier, Rotterdam
Projektentwicklung
Nice developers, Rotterdam
ERA contour B.V., Zoetermeer
Architektur
mei architects and planners, Rotterdam
Holzbau
Derix Gruppe, NiederkrĂĽchten
Bauingenieur
Pieters Bouwtechniek, Delft
Tragwerksplanung Holzbau und Schallschutz Holzkonstruktion
PIRMIN JUNG Deutschland GmbH, Remagen
Fotografie
Aiste Rakauskaite

Spannende Fakten und Zahlen

Konstruktion
Skelett aus Brettschichtholz (BSH) und Brettsperrholz (BSP)
VollholzstĂĽtzen 60 x 60 cm
Aussteifung mit Holzfachwerk und Massivholzwänden
Durchlaufende, auskragende Holzträger für Balkone
Höhe
~ 54 m
16 Geschosse
Bruttogrundfläche
~ 12´500 m²
Wohneinheiten
39 Eigentums- und 70 Mietwohnungen
Baustart
08.2022
Fertigstellung
06.2025
Verbautes Holz
3´500 m³ aus nachhaltiger Forstwirtschaft
~ 1´032 m³ Brettschichtholz, 60 m³ Baubuche und 2´367 m³ Brettsperrholz
Verbaute Schrauben
~ 750´000 Stück
Montageteam Holzbau
sechs Personen
Namensgebung
Der Name SAWA und das architektonische Konzept sind von den terrassenförmig angelegten Reisterrassen auf Bali inspiriert, die im Indonesischen als «Sawa» bekannt sind.
Auszeichnungen
2023, Architizer A+ Sustainability Awards
2022, Architecture Masterprize, Kategorie: «Unbuilt Sustainable Residential Project»
2021, Green GOOD DESIGN Awards
2021, Iconic Awards for Innovative Architecture, «Konzept»
2021, World Architecture Festival, Kategorie: «Experimental - Future Project»
2021, International Design Awards (IDA), Kategorie: «Kategorie Architektur/Nachhaltiges Wohnen»
2020, ARC20 Innovation Award

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