Ich erhalte folgende zwei Reaktionen, wenn ich ein Projektteam oder eine Auftraggeberschaft eines Bauprojektes darauf aufmerksam mache, dass ihr anstehendes Projekt viel erfolgreicher realisiert werden könnte, wenn alle Kern-Disziplinen integriert zusammenarbeiten und digitale Werkzeuge dabei unterstützend ausschöpfen:
Die einen schauen mich perplex an, als hätte ich ihnen soeben eine triviale Wahrheit offenbart wie «Wasser fliesst nach unten» und antworten mit «Ja, das wissen wir seit langer Zeit». Die anderen antworten mit «Ja, du hast recht, aber du lebst in einer theoretischen Welt und wir müssen unsere Projekte in der realen Welt umsetzen.» Das Resultat beider Aussagen ist dasselbe. Sowohl der Glaube, man arbeite bereits integriert und digital unterstützt zusammen als auch der Glaube, dass dies erst in Zukunft relevant sein werde, führen dazu, dass Bauprojekte traditionell abgewickelt werden. Dies bedeutet, dass die verschiedenen Disziplinen nur sequenzweise in das Projekt involviert sind. Sie arbeiten ohne klar definierte, gemeinsame, messbare Projektziele, jede Disziplin gefangen in ihrem eigenen Silo mit eigenen Perspektiven auf das Projekt, seine Ziele, die Prozesse und die Informationsflüsse. Daraus resultieren Gebäude, welche nicht optimal funktionieren, wie sie eigentlich könnten und es generiert allen Beteiligten deutlich mehr Aufwand als notwendig.
Im Gegensatz zu diesen typischen Reaktionen demonstriert das
Projektteam des Haus des Holzes, dass integrierte Zusammenarbeit auf gut
orchestrierten Informationsquellen mit gut definierten Projektzielen
nicht bloss nette Theorie, sondern erfolgreiche Praxis sein kann. Als
Professor für Ingenieurs- und Management-Methoden für die Bauwirtschaft
habe ich gelernt, dass ich fundierte Konzepte mit inspirierenden
Praxis-Beispielen kombinieren muss, wenn ich von den Studierenden
erwarte, die Konzepte verstehen und anwenden zu können. Einerseits kann
man sich reine Theorie kaum merken und deren isolierte Vermittlung führt
daher nicht zum gewünschten Erfolg bei Studierenden, die in der
Bauwirtschaft berufstätig werden wollen. Andererseits kann lernen anhand
von Praxisbeispielen für die Studierenden viel interessanter sein, gibt
ihnen aber alleine keinen Rahmen, worüber sie aus den verschiedenen
Beispielen die richtigen Schlüsse für künftige Projekte ziehen und
Massnahmen ableiten können.
Zum ersten Mal von den Visionen für die Realisierung des
neuen Hauptsitzes für die PIRMIN JUNG Schweiz AG in Sursee gehört habe
ich von der Projektgesamtkoordinatorin Anne Nyffeler
im Rahmen des VDC-Zertifikatsprogrammes für Baufachpersonen,
welches ich seit 2008 leite. Was mir dabei besonders aufgefallen ist
war, dass das Projektteam alle Aspekte für die Projektziele eines
Hochleitstungsgebäudes gemäss dem Buch «Integrating Project Delivery
(Fischer, Ashcraft, Reed, Khanzode, 2017)» integrierte: Baubarkeit,
Nutzbarkeit, Betreibbarkeit und Nachhaltigkeit. Zusätzlich hatte die
Gesamtkoordinatorin realisiert, dass neue Zusammenarbeitsmethoden
entwickelt sowie ein vertrauensvolles, offenes und gemeinschaftliches
Arbeitsumfeld geschaffen und gepflegt werden mussten und dass es Vieles
zu lernen gab, was dokumentiert und zum Teilen aufbereitet werden
sollte.
Ich habe viele Projektteams Lippenbekenntnisse zu diesen Ideen machen sehen, aber kein Team hat es bisher so ernst genommen und derart durchdacht und fokussiert durchgearbeitet.
Ich habe weitere Einblicke in den Fortschritt und die Erkenntnisse zu diesem spannenden Projekt erhalten durch Meetings mit Pirmin Jung, Martina Kempf und Anne Nyffeler und habe mich sehr gefreut, dass ich schlussendlich zu der Eröffnungsfeier des Projektes im September 2022 eingeladen wurde und mir das fertige Gebäude anschauen konnte. Mein Besuch im neuen Hauptsitz von PIRMIN JUNG traf zeitlich zusammen mit Gesprächen der Ko-Autoren des Buches «Integrating Project Delivery (Fischer, Ashcraft, Reed, Khanzode, 2017)» über eine zweite Ausgabe des Buches. Unser Fokus für die zweite Ausgabe ist es, die darin beschriebenen Konzepte zum Leben zu erwecken anhand von realen Beispielen von Projektteams, welche wichtige Aspekte von Projektabwicklungen integrieren. Mir kam dabei sofort der Gedanke, dass ich mehr über die Erkenntnisse des Projektteams vom «Haus des Holzes» erfahren und diese teilen können möchte. Ich habe den Bauherrn Pirmin Jung entsprechend angefragt, ob ich einige Zeit im Haus des Holzes verbringen könne, um die Kultur der Firma und die Funktionalität des Gebäudes zu erleben sowie mich mit den Projektteammitgliedern austauschen zu können. Dabei wollte ich die Projektdokumentation einsehen und in Erfahrung bringen, wie das Projektteam gemeinsam die Projektziele entwickelt, die Projektorganisation aufgesetzt die Informationsbedürfnisse und -flüsse definiert, die idealen Werkzeuge bestimmt sowie Arbeitsabläufe orchestriert hat. Pirmin hat enthusiastisch «ja» gesagt zu meiner Anfrage, am Beispiel der Erfahrungen vom Projektteam Schulungsbeispiele zu entwickeln.
Daher habe ich diesen Frühling drei Wochen im Haus des Holzes
verbracht. Ich habe die helle, aufgeräumte und komfortable
Arbeitsumgebung genossen und es war inspirierend für mich. Ebenso
geschätzt habe ich das sehr kollegiale und offene Arbeitsumfeld, welches
mir ermöglicht hat von vielen verschiedenen Fachleuten zu lernen,
welche in das Projekt involviert waren oder sind seit der Konzeption bis
zu Einregulierung, Betrieb und nun Unterhalt. Dies hat mir ermöglicht
Einblick zu erhalten, wie das Team definiert hat und auch weiter
ausarbeitet, was «Höchstleistung» für dieses Gebäude bedeutet auf
ökonomischer, ökologischer und sozialer Ebene. Ich habe erfahren wie
Fachpersonen mit verschiedenen Ausbildungshintergründen und
Projektrollen die integrierte, digital unterstützte Zusammenarbeit und
Abwicklungsprozesse bei diesem Projekt erlebt haben und was sie daraus
für weitere Projekte für Erkenntnisse mitnehmen.
Dies hat mir ermöglicht Einblick zu erhalten, wie das Team definiert hat und auch weiter ausarbeitet, was «Höchstleistung» für dieses Gebäude bedeutet auf ökonomischer, ökologischer und sozialer Ebene.
Mit Unterstützung von Anne und anderen bei PIRMIN JUNG arbeite
ich nun weiter an Schulungsbeispielen basierend auf den Erfahrungen rund
um das Haus des Holzes. Diese Beispiele werden es mir und anderen
ermöglichen, die Kernkonzepte der integrierten Projektabwicklung so zu
vermitteln, dass sie sofort mit alltäglichen Herausforderungen der
Bauwirtschaft verknüpft und dadurch deren Wichtigkeit und Umsetzung
besser verstanden werden können. Ich plane diese Beispiele in meinem
Bachelor-Kernmodul «Managing Sustainable Building Projects» im
Departement «Civil and Environmental Engineering» an der Stanford
University zu verwenden. Dieses Modul wird von Studierenden belegt,
welche sich für Architektur, Bauingenieurwesen,
Gebäudeenergieperformance, Umweltingenieurwesen, Bauweisen und
Immobilienentwicklung interessieren. Durch Professorin Nea Maloo wird
dieses Modul simultan auch im Architektur-Studiengang an der Howard
University, der führenden historisch schwarzen Univeristät in den
Vereinigten Staaten von Amerika, angeboten. Weiter habe ich vorgesehen,
die Beispiele für die zweite Auflage des Buches «Integrating Project
Delivery (Fischer, Ashcraft, Reed, Khanzode, 2017)» zu integrieren damit
Fachpersonen und andere Ausbildende auch davon profitieren können. Ich
hoffe, dass die zu Lernzwecken aufbereiteten Beispiele PIRMIN JUNG
intern ebenso hilfreich sein werden, um Mitarbeitenden und
Projektpartnern aufzuzeigen, wie Zigerichtete, digital unterstüzte
Zusammenarbeit aussehen könnte, wie es funktioniert und was für Erfolge
damit erzielt werden können. Obwohl die vom «Haus des Holzes»
angewendeten Methoden in vielen Bereichen bahnbrechend und pionierhaft
sind, sehe ich darin erst den Anfang der Entwicklungen von erfolgreicher
Mensch-Computer-Zusammenarbeit in kreativer und produktiver Art und
Weise sodass viele weitere Projektteams besser auf die Bedürfnisse und
Rahmenbedingungen von Gebäudenutzern, -eigentümern und weiteren
Teilhabenden, der Gesellschaft und schlussendlich dem Planeten
hinarbeiten können.














